Landtagswahlen 2024
In Sachsen, Thüringen und Brandenburg finden im September 2024 Landtagswahlen statt. Diese drei Wahlen stehen unter besonderer Beobachtung: Aktuelle Umfragen deuten darauf hin, dass die AfD in allen drei Bundesländern stärkste Kraft werden könnte. Obwohl die AfD-Landesverbände Sachsen und Thüringen vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft werden und der brandenburgische AfD-Landesverband als Verdachtsfall geführt wird, bekunden viele Wählerinnen und Wähler in den Umfragen, für die AfD stimmen zu wollen.
Schenkt man einer aktuellen Studie Glauben, so sympathisieren auch viele junge Wahlberechtigte mit der AfD. Die Studie „Jugend in Deutschland 2024“ kam zu dem Ergebnis, dass 22 Prozent der unter 30-Jährigen der AfD bei einer Bundestagswahl ihre Stimme geben würden. Auch wenn es mittlerweile Kritik an der Methodik der Studie gibt, bleibt die Frage, wie es einer bundesweit als rechtsextremistischer Verdachtsfall geführten Partei gelingen kann, viele Jugendliche für sich zu gewinnen. Ein Blick in die sozialen Medien zeigt, dass die AfD dort massiv um die Stimmen junger Wahlberechtigter wirbt.
Soziale Medien und die AfD
Alle Parteien haben in den letzten Monaten ihre Präsenz in den sozialen Medien deutlich verstärkt, allerdings mit sehr unterschiedlichem Erfolg. Denn Erfolg wird hier in Reichweite gemessen. Auf TikTok, YouTube, Facebook und anderen sozialen Medien erreicht die AfD im Vergleich mit anderen Parteien eine Reichweite, die selbst die Ergebnisse in den Wahlumfragen in den Schatten stellt.
Die Beiträge auf dem offiziellen TikTok-Kanal der AfD-Bundestagsfraktion erreichten zwischen Januar 2022 und Dezember 2023 ca. 430.000 Impressionen pro Video. Impressionen geben an, wie häufig Nutzern ein Inhalt angezeigt wurde. Als zweitplatzierte Partei kam die FDP in diesem Zeitraum auf ca. 53.000 Impressionen. Die AfD hat mehr als doppelt so viele Facebook-Fans als alle anderen Parteien. Auf YouTube hat die Partei teilweise mehr als das Zehnfache an Abonnenten im Vergleich zu anderen Parteien.
Ein Grund für diesen Erfolg ist zum einen, dass die AfD den digitalen Raum der sozialen Medien viel früher besetzt hat. Zum anderen können auch gewisse Gesetzmäßigkeiten der Kommunikation in den sozialen Medien den Erfolg der AfD erklären. Plakativ, provokant, emotional und kurz (bisweilen in ein 90-Sekunden-Video verpackt) müssen politische Botschaften in den sozialen Medien sein, wenn sie Aufmerksamkeit erregen sollen.
Der Politikberater Martin Wuchs sieht hier eine „Wesensverwandtschaft zwischen den Erfolgskriterien des Algorithmus und des Populismus“. Populisten reduzieren die Komplexität politischer Themen und bieten vermeintlich einfache Lösungen für komplexe politische Probleme an. Zudem emotionalisieren sie ihre politischen Botschaften häufig, indem sie Unzufriedenheiten und Sorgen in der Gesellschaft verstärken oder mit Freund-Feind-Bildern arbeiten. Populistische Parteien wie die AfD haben zudem eine eher digitalaffine Anhängerschaft, denn sie hegen ein erklärtes Misstrauen gegenüber den öffentlich-rechtlichen sowie anderen etablierten seriösen Medien. Dies verstärkt ihre Reichweite in den sozialen Medien.
Veränderungen im Diskurs – politische Debatten in sozialen Medien
Das Problem der sozialen Medien auf den Punkt gebracht: Dort lassen sich (politische) Botschaften direkt und ungefiltert, also ohne jeglichen redaktionellen Faktencheck verbreiten. Es ist daher von einem veränderten politischen Diskurs und einer veränderten Debattenkultur in den sozialen Medien auszugehen. Politikerinnen und Politiker sowie Medienforschende beklagen den bislang eklatanten Mangel an einer effektiven Social-Media-Kommunikation der anderen Parteien.
Es zeigen sich andererseits aber auch positive Entwicklungen. Während die Parteien der AfD zunächst das digitale Feld überlassen haben, tut dies die Userschaft nicht. Sie schafft Debattenangebote und Gegenbewegungen zu populistischen oder verfassungsfeindlichen Positionen. In den sozialen Medien finden sich zunehmend Angebote, in denen Bürgerinnen und Bürger in Chats oder Livestreams debattieren können.
Den plakativen, provokanten und kurzen Botschaften wird somit eine differenzierte Auseinandersetzung mit den politischen Fragen entgegengesetzt. Hier bietet sich Raum für Faktenchecks, abwägende Argumentationen und realitätsbezogene Lösungssuche. Das entzaubert viele populistische Botschaften in den sozialen Medien.
Die Logik der digitalen Reichweite funktioniert in alle Richtungen. Soziale Medien können auch zu einem wirkungsvollen Faktor in der Auseinandersetzung mit populistischen oder verfassungsfeindlichen Tendenzen werden. Der Politikwissenschaftler Andreas Hufer geht in seinen Studien davon aus, dass derzeit etwa acht Prozent der Bevölkerung in ihrer Grundhaltung rechtsextrem sind und sich durch keine Argumente umstimmen lassen. Er erklärt aber zudem, dass circa 25 Prozent der Bevölkerung zwar Sympathien für rechtspopulistische Einstellungen haben, diese jedoch nicht tiefgehend gefestigt seien. Dies ist die Zielgruppe für einen demokratischen politischen Diskus in den sozialen Medien.
Ziel eines Unterrichtsvorhabens: Ausbau der politischen Kommunikationskompetenz
Der vorliegende Unterrichtsimpuls will die politische Kommunikationskompetenz der Schülerinnen und Schüler stärken und erweitern. Durch das vorgeschlagene Unterrichtsvorhaben sollen die Schülerinnen und Schüler befähigt werden, verantwortungsvoll politische Inhalte in sozialen Medien auszuwählen, indem sie kritisch mit den Angeboten und Diskursmechanismen auseinandersetzen. Letztlich werden die Schülerinnen und Schüler dazu befähigt, aktiv und verantwortungsvoll an einem demokratischen Meinungsbildungsprozess teilzunehmen und diesen mitzugestalten.
Einbettung im Unterricht
Kompetenzerwerb in vier Bausteinen
Baustein 1: Einfallstor für Populisten – Parteien in den sozialen Medien
- Recherche bei TikTok, Instagram, usw. zum Auftreten der umfragestärksten Parteien
- Abgleich der Rechercheergebnisse mit Daten aus Studien (siehe Links)
- Analyse der Strategien populistischer Parteien, Politikerinnen und Politiker am Beispiel der AfD auf TikTok (siehe Links)
Baustein 2: Politische Kommunikation und soziale Medien
- Analyse der Funktionsweisen sozialer Medien (z.B. Algorithmen, Aufmerksamkeitsspanne)
- Affinität zwischen den Kommunikationsformen sozialer Medien und populistischer Argumentation (siehe Links)
Baustein 3: Redaktionelle Prüfung und Nutzen redaktioneller Medien
- Erarbeiten einer Checkliste mit Schritten redaktioneller Prüfungen von Informationen / Nachrichten
- Erarbeiten einer Checkliste mit Internetadressen zum Faktencheck von Nachrichten
- Erarbeiten einer Liste seriöser, redaktioneller Medien und Plattformen
Baustein 4: Veränderung des politischen Diskurses innerhalb sozialer Medien
- Recherche zu den Regeln des Sperrens rechtsextremistischer Inhalte in verschiedenen sozialen Medien
- Recherche zu Chats, Blogs und Live-Streams in sozialen Medien, die sich rechtsextremistischen und populistischen Inhalten gegenüberstellen (siehe Links)
Material und Linksammlung:
- Soziale Medien – wie sie wurden, was sie sind
unter: https://www.bpb.de/themen/medien-journalismus/soziale-medien/ - Josephine B. Schmitt, Basiswissen zur politischen Bildung, sozialen Medien und Extremismus
unter: https://www.bpb.de/themen/medien-journalismus/soziale-medien/545795/basiswissen-zur-politischen-bildung-sozialen-medien-und-extremismus/ - https://www.bpb.de/themen/medien-journalismus/soziale-medien/545485/soziale-medien-und-die-kommunikation-politischer-und-staatlicher-institutionen/
- https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/das-junge-politik-lexikon/


Hinterlasse einen Kommentar