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Medientipp: Geschichte statt Mythen

Geschichtsrevisionistische Narrative begegnen Lernenden zunehmend: Auf Social Media versuchen rechtspopulistische Akteure Einfluss auf Jugendliche zu üben – zum Teil mit Erfolg. Umso wichtiger ist es, sich damit aktiv im Unterricht auseinanderzusetzen und die Lernenden für bestimmte Chiffren zu sensibilisieren. Wer hinter dem Angebot „Geschichte statt Mythen“ steckt und wie ihr es im Unterricht einsetzen könnt, erfahrt ihr in unserem Medientipp.

Wir haben mit dem Projektmitarbeiter von „Geschichte statt Mythen“, Jakob Schergaut, gesprochen. Er ist Sozialwissenschaftler und arbeitet seit August 2024 im Projekt „Geschichte statt Mythen“ an der FSU Jena, gefördert von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ). Neben seiner Tätigkeit in der Rechtsextremismusforschung bringt Jakob Schergaut fast zehn Jahre Erfahrung in der Kinder- und Jugendhilfe mit – darunter sechs Jahre als Sozialarbeiter an einer Schule in Sachsen.

Medientipp:  Projekt „Geschichte statt Mythen“

Interview mit Jakob Schergaut vom Projekt „Geschichte statt Mythen“

Redaktion: Wie kam es zu dem Projekt und welche Ziele verfolgen Sie?
Jakob Schergaut: Das Projekt geht auf die Oberbürgermeisterwahl 2023 in Nordhausen zurück. Damals trat Jörg Prophet für die AfD an. Auf der Website des Kreisverbands veröffentlichte er geschichtsrevisionistische Texte, etwa zum Mythos der „Rheinwiesenlager“. Die amerikanischen GIs, die das KZ Dora befreiten, bezeichnete er als „morallos“. Diese Texte wurden kurz vor der Stichwahl von Mitarbeiter:innen der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora öffentlich thematisiert – vermutlich ein Grund für seine Niederlage. Aus dieser Erfahrung entstand die Idee, Geschichtsrevisionismus in Thüringen im „Superwahljahr“ 2024 systematisch zu dokumentieren, zu analysieren und zu dekonstruieren. Das Ziel ist es, dem Geschichtsrevisionismus eine historisch fundierte Gegenrede entgegenzustellen.

Was genau versteht man unter Geschichtsrevisionismus?
In der Geschichtswissenschaft bedeutet „Revision“ ursprünglich die Überprüfung etablierter Darstellungen bei z. B. neuer Quellenlage. Rechte Akteur:innen eigneten sich diesen Begriff an, um den Nationalsozialismus zu relativieren. In der Rechtsextremismusforschung steht der Begriff heute für den Versuch, NS-Verbrechen durch Verharmlosung, Gleichsetzung oder Aufrechnung mit tatsächlichen oder vermeintlichen alliierten Verbrechen zu relativieren.

Was ist typisch für geschichtsrevisionistische Erzählungen?
Ziel ist eine moralische Angleichung von NS-Regime und Alliierten bis hin zur Täter-Opfer-Umkehr. Dafür werden Quellen aus dem Kontext gerissen, frei erfunden oder manipuliert und mit irreführenden Zahlenspielen untermauert, während Belege für die etablierte Geschichtsdarstellung ignoriert werden. Häufig stützen sich deutsche Revisionist:innen dabei auf ausländische Kronzeugen, um ihre Behauptungen zu stützen. Jüngere Verzerrungen – wie Alice Weidels Behauptung, Hitler sei Kommunist gewesen – verdeutlichen die politische Funktion des Revisionismus: NS-Verbrechen werden der Linken zugeschrieben, um die extreme Rechte zu entlasten.

Wie ist das Angebot auf Ihrer Website aufgebaut?
Unsere Website bietet drei Bereiche: einen Blog zu aktuellen Narrativen, eine Sammlung klassischer Mythen sowie eine Karte relevanter Orte. Daneben suchen wir den direkten Austausch über Vorträge, Diskussionsrunden und Medienauftritte.

Sie fokussieren sich auf Thüringen. Ist angedacht, bspw. die Karte auf weitere Bundesländer auszuweiten?
Tatsächlich haben wir uns bereits in der Pilotphase auch mit Entwicklungen z. B. in Sachsen sowie bundesweiten Diskursen beschäftigt. In der zweiten Phase ab August 2025 streben wir eine länderübergreifende Vernetzung mit anderen Akteuren aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft an, um auch Dynamiken in anderen Bundesländern besser abzubilden.

Welche Quellen nutzen Sie für Ihre Recherche?
Wir beobachten Social Media, Telegram-Kanäle, Parlamentsdebatten, Wahlkampfreden und Fernsehauftritte von Akteur:innen wie der AfD. Für die Gegenrede stützen wir uns auf wissenschaftliche Arbeiten anderer Historiker:innen, recherchieren in Archiven und werten den fachlichen Diskurs aus.

Lernende bewegen sich viel auf sozialen Medien. Planen Sie, auch Plattformen wie TikTok oder Instagram auszuwerten?
Das geschieht bereits punktuell. Eine systematische Auswertung ist jedoch technisch aufwendig, was derzeit unsere Möglichkeiten übersteigt. Wir konzentrieren uns daher auf besonders virale Inhalte.

Hilfreich sein könnte auch ein Glossar geschichtsrevisionistischer Begriffe bzw. Bilder/Codes als Angebot auf Ihrer Website.
Das ist ein ausgezeichneter Impuls. Wir planen ein Glossar zu konzipieren, in dem wir die gängigsten Legenden und Mythen kurz erklären, aber auch Chiffren, Codes bis hin zu Memes und Emoticons beschreiben, die aus der geschichtsrevisionistischen Szene verbreitet und insbesondere von jungen Menschen geteilt werden.

Haben Sie konkrete Tipps für Lehrkräfte, wie sie mit dem Thema im Unterricht umgehen können?
Lehrkräfte bringen mit den Methoden der Geschichtswissenschaft bereits gute Voraussetzungen mit. Wichtig sind seriöse Quellenarbeit, partizipative Ansätze und das Offenlegen der politischen Motivation hinter den Mythen. Unsere Website bietet dafür fundierte Informationen; wir arbeiten zusätzlich an leichter zugänglichen Texten und Videoformaten. Gute Materialien gibt es auch bei der Bildungsstätte Anne Frank oder Yad Vashem.

Einbettung im Unterricht

Ihr habt verschiedene Möglichkeiten, das Angebot der Website im Unterricht zu nutzen:

  • Tagesaktuell: Über den Button „Aktuell“ könnt ihr euch vorab zu tagespolitischen Themen im Kontext geschichtsrevisionistischer Erzählungen informieren und diese abhängig vom Unterrichtsthema mit den SuS erschließen.
  • Themenbezogen: Im Kontext der Behandlung des Nationalsozialismus könnt ihr über die Website geschichtsrevisionistische Mythen und Legenden mit historischem Bezug identifizieren. Die Behandlung ausgewählter Beispiele ist eine gute Möglichkeit, SuS die Bedeutung des Fachs Geschichte an konkreten, gegenwartsbezogenen Themen zu verdeutlichen.
  • Kontext Medienbildung: Besprecht mit den SuS, inwieweit sie bereits mit geschichtsrevisionistischen Themen auf Social Media zu tun hatten. Recherchiert, ob die genannten Beispiele auf der Website „Geschichte statt Mythen“ dekonstruiert werden. SuS können in Einzel- oder Partnerarbeit konkrete Mythen und deren Entschlüsselung vorstellen.
  • Regionalbezug: Untersucht gemeinsam mit der Klasse das Kartenangebot auf der Website (https://www.geschichte-statt-mythen.de/Blog/uebersichtskarte). Recherchiert mit der Klasse für euer Bundesland Orte sowie Akteur:innen geschichtsrevisionistischer Mythenbildung und erstellt ausführliche digitale Informationstafeln.

Tipp: Nutzt auch unser Plakat sowie Arbeitsblatt zum Thema „Fake oder Fakt?“ https://gewi-im-unterricht.de/fake-oder-fakt-kostenloses-poster-zum-faktencheck/

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