Medientipp: Projekt „Enkel Europas“
Wie kam das Projekt „Enkel Europas“ zustande?
Fabian Goslar: Lustigerweise begann die Reise unseres Projekts mit etwas scheinbar Banalem: einer Brezel. Im Jahr 1945, ein paar Monate nach Kriegsende, hat sich meine Großmutter Ida als neunjähriges Mädchen in Ulm eine Brezel gekauft. Eine Bäckerei an einem Platz, über den täglich Tausende Menschen gehen, ist für sie der Ort, an dem sie zum ersten Mal wieder frei entscheiden und sich nach von Hunger geprägten Monaten selbstbestimmt etwas zu essen kaufen durfte. Solche Orte hat jeder Mensch, der die Zeit des Zweiten Weltkriegs erlebt hat, und nicht nur der. Auch in der jüngeren Demokratiegeschichte Europas gibt es sie: bei den ersten freien Wahlen, an geöffneten Grenzen oder beim Ankommen in einem neuen Land. Dort wird das bisweilen recht abstrakte Europa für einen Moment konkret und erfahrbar.
Erklären Sie uns, was es mit dem Namen auf sich hat.
Bei uns ist der Name wörtlich gemeint: Viele von uns haben Krieg, Verfolgung und Diktatur nicht hautnah erlebt, wir leben auf dem Kontinent, der daraus geworden ist: in Frieden, in Freiheit, in einer Demokratie. Das ist unser Erbe.
Was ist die Idee von „Enkel Europas“ und welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrem Projekt?
Jugendliche sollen eigene Erinnerungen und die von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen an den Orten ihres eigenen Alltags sichtbar machen. Die meisten dieser Orte, die von Demokratie auf einer subjektiven und inspirierenden Ebene erzählen, sind nirgends markiert. Ohne eine gezielte Frage und Recherche bleibt ihre Geschichte unerzählt und ihr Potential für Demokratiebildung unerschlossen. Frieden und Demokratie werden begreifbar, wenn ein Mensch erzählt, wie und wo das Leben ohne sie war oder wie und wo er beides ganz essenziell gespürt hat.
Warum haben Sie Europa als Bezugsrahmen gewählt?
Europa ist für uns ein gemeinsamer Erfahrungsraum. Die Geschichten, denen wir begegnen, reichen fast immer über nationale Grenzen hinaus. Zeitlich liegt unser Schwerpunkt auf dem Nationalsozialismus, dem Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit, weil Menschen aus dieser Zeit heute noch erzählen können. Die Singularität der Shoah steht dabei fest.
Welche Angebote stellen Sie auf der Website von „Enkel Europas“ bereit?
Die Website befindet sich noch im Aufbau. Zu sehen sind aktuell die interaktive Karte der Erinnerungsorte und einige digitale Memorials, also Beiträge, in denen die Geschichte eines Zeitzeugen an einem Ort ausführlicher erzählt wird. Weitere Projekte werden sukzessive ergänzt. Als Nächstes kommen weitere Projekte auf die Karte, darunter Ludwigsburg. Mit „Mémoire Vivante“ entsteht bis Frühjahr 2027 gemeinsam mit unserem französischen Partner eine zweisprachige Karte. Außerdem wollen wir die Orte über QR-Codes stärker in den Stadtraum holen und unsere Lernmodule so aufbereiten, dass Lehrkräfte sie selbstständig nutzen können.
Welche Zielgruppe möchten Sie mit Ihrem Angebot erreichen?
Im Mittelpunkt stehen Schülerinnen und Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren. In diesem Alter festigen sich politische Haltungen, und viele treffen zum ersten Mal eigene politische Entscheidungen. Wir arbeiten mit unterschiedlichen Schulformen, bislang insbesondere in Gymnasien und Berufsschulen, unsere Angebote sind aber für jede Schulform gut durchführbar. Junge Erwachsene bis etwa 23 Jahre binden wir teilweise als ehrenamtliche Begleitung ein, Lehrkräfte als Partner und Multiplikatoren, die die Arbeit in ihren Schulen weitertragen und zu ihren Klassen passende thematische Schwerpunkte mit unseren Methoden umsetzen können.
Was unterscheidet „Enkel Europas“ von anderen Zeitzeugenprojekten?
Zeitzeugenerlebnisse bieten eine besondere Ressource für Demokratiebildung. Der größte Unterschied zu anderen Zeitzeugenprojekten liegt in dem, was nach dem Gespräch geschieht. Viele Zeitzeugenformate enden mit der Begegnung – bei uns beginnt dann jedoch die eigentliche Arbeit: einordnen, Erlebnisse von Zeitzeugen an bestimmten Orten mit den eigenen Orten verbinden und veröffentlichen. Neben den Zeitzeugen können auch Spuren der Vergangenheit wie Fotos, Briefe, Dokumente, aufgezeichnete Interviews und die Orte selbst ein Zeugnis abgeben.
Wie erfolgt Ihrerseits eine methodische Anleitung für die Arbeit mit Zeitzeugen?
Zur Einordnung: Der größere Teil der Einträge stammt aus der Spurensuche der Jugendlichen in ihren Familien und ihrem Alltag, die Zeitzeugenbegegnung ist darin ein zentraler Baustein. In der Vorbereitung erarbeiten die Jugendlichen den historischen Kontext und entwickeln anhand von Leitfäden eigene Fragen. Gleichzeitig ist uns ein persönlicher, niederschwelliger Zugang wichtig. Während des Gesprächs helfen Leitfragen beim Zuhören: Welche Orte werden genannt, wo liegen Wendepunkte? Danach folgen Reflexion und Einordnung.
Neben der Arbeit mit Zeitzeugen spielen Alltagsorte in Ihrem Ansatz zur Geschichtsvermittlung eine zentrale Rolle. Wieso?
Alltagsorte ergänzen Gedenkstätten und Museen durch etwas Entscheidendes: Sie gehören zum Leben der Jugendlichen und sind präsent. Wenn sich zeigt, dass am Schulweg Geschichte geschehen ist, verändert das den Blick auf den Alltag und seine Orte als Ressource für Demokratiebildung. An einer Schule haben Jugendliche bspw. einen Ort beschrieben, der früher ein großer Pferdestall war, dann eine Kaserne und heute ein Einkaufszentrum, in dem sich viele Familien unterschiedlicher Kulturen begegnen. Für die Demokratiebildung ist dieser Zugang wertvoll, weil er bewegte Geschichte an bekannten und zum Teil sehr gewöhnlichen Orten (be)greifbar macht.
Einbettung im Unterricht
Arbeitsblatt zur Erarbeitung eines eigenen Erinnerungsorts
In mehreren Schritten können Schülerinnen und Schüler mit dem Arbeitsblatt von „Enkel Europas“ arbeitsteilig ihren eigenen Erinnerungsort beschreiben, seine Geschichte recherchieren und daraus ein Lernprodukt erstellen. Die Lernprodukte können anschließend an Enkel Europas übermittelt werden, damit sie auf der Karte der Erinnerungsorte vermerkt werden.
Hier geht’s zur kostenlosen Kopiervorlage.
Kritische Einordnung von individuellen Erinnerungen im Geschichtsunterricht
Diskutiert in der Klasse, inwiefern die Karte der Erinnerungsorte und eure Erarbeitungen euer Verständnis der Vergangenheit vertiefen. Geht hierbei vor allem auf die Spezifik von individuellen Erinnerungen in Form von Zeitzeugeninterviews ein.

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