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Straßennamen und Geschichtskultur im Geschichtsunterricht

Straßennamen sind selbstverständlicher Teil unseres Alltags – und doch denken die wenigsten darüber nach, nach wem eine Straße eigentlich benannt ist. Diskussionen um Straßennamen gibt es in Städten und Gemeinden immer wieder, aus verschiedenen Gründen. Dieser Beitrag zeigt, wie sich solche aktuellen Debatten um Straßen-Umbenennungen im Geschichtsunterricht aufgreifen lassen.

Straßennamen und Geschichtskultur

Straßennamen sind weit mehr als Orientierungshilfen. Seit dem 19. Jahrhundert werden sie gezielt eingesetzt, um Geschichte in den städtischen Raum einzuschreiben und festzulegen, wen eine Gesellschaft zur Zeit der Benennung für erinnerungswürdig hält. Der Historiker Hans-Ulrich Thamer formulierte im Rahmen der Debatte um die Umbenennungen des vormaligen Hindenburgplatzes, dem heutigen Schlossplatz in Münster, treffend: Straßennamen seien „sichtbarer Ausdruck des Geschichtsbewusstseins einer Stadt“. Denn laut Thamer würden sie eine normative Verbindlichkeit für die Gegenwart und möglicherweise auch für die Zukunft beanspruchen. Straßennamen mit historischen Bezügen sind also nicht neutral. Sie erheben Anspruch, eine Person dauerhaft als erinnerungswürdig und vorbildhaft auszuzeichnen. Die Person lebe jedoch auf, wenn über sie diskutiert würde, so Thamer. Straßennamen bzw. die Debatten über diese zeigen, dass sich das Verständnis darüber, wem oder was die kollektive Erinnerung gelten soll, verändern kann. Es lässt sich beobachten, wie eine Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit umgeht. Genau so definiert der Historiker Jörn Rüsen Geschichtskultur.

An wen wollen wir erinnern?

Debatten um Straßennamen haben in den letzten Jahren zugenommen und zeigen immer auch einen demokratischen Beteiligungsprozess. Straßennamen gelten als belastet, wenn deren Namensgeber etwa in rassistischen, kolonialistischen oder antisemitischen Zusammenhängen in Erscheinung getreten sind. Debatten um Straßennamen drehen sich daher nicht nur um die Frage, wen wir als Gesellschaft im öffentlichen Raum erinnern wollen, sondern ebenso darum, wen wir nicht mehr durch Erinnerung ehren möchten. So wurden beispielsweise im Februar 2024 in Düsseldorf nach einem sich über mehrere Jahre erstreckendem Beteiligungsverfahren gleich zehn Straßen umbenannt. In Berlin trägt die ehemalige „Mohrenstraße“ seit August 2025 den Namen des ersten Philosophen afrikanischer Herkunft in Deutschland: Anton Wilhelm Amo. Der Umbenennung ist ein fünfjähriger juristischer Streit vorausgegangen. Die Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichte eine Zeitschrift zum Thema koloniale Spuren im Stadtbild.

Umstrittene Namen als Anlass für Demokratiebildung

Die beiden genannten Beispiele zeigen, dass Debatten um Straßennamen nicht nur geschichtskulturell enorm bedeutsam, sondern vor allem auch politisch aufgeladen sind. Hinter den Konflikten um die Benennung von Straßennamen stehen selten ausschließlich unterschiedliche historische Deutungen. Häufig lassen sich in der Debatte vor allem auch unterschiedliche politische Interessen und gegensätzliche Wertvorstellungen erkennen. Dieser demokratische Aushandlungsprozess auf Basis von Expertenwissen, zivilgesellschaftlichem Engagement und Mehrheitsbeschlüssen bietet ideale Anlässe für die Demokratiebildung im Rahmen des Geschichtsunterrichts. Im Geschichtsunterricht können diese Prozesse thematisiert werden: Wessen Geschichte wird in einer Stadt sichtbar? Wessen Perspektive blieb bislang unsichtbar? Welche Argumente sind legitim und welche nicht? Wie müssen Personen historisch beurteilt und bewertet werden? Das Abwägen dieser Fragen, der Perspektivwechsel und die Formulierung eines eigenen Standpunktes in solchen Debatten sind Kernkompetenzen der historisch-politischen Bildung, die es bei den Schülerinnen und Schülern zu fördern gilt.

Fazit: Straßennamen als Chance für das historische Lernen

Wenn Schülerinnen und Schüler Straßennamen als Zeugnisse geschichtskultureller Debatten lesen, wird der eigene lokale Raum zum Lernort und historisches Denken als Orientierungskompetenz für die Gegenwart und Zukunft der Schülerinnen und Schüler relevant. Außerdem wird durch die Auseinandersetzung mit Debatten um Straßenumbenennungen die Demokratiebildung im Geschichtsunterricht angesteuert. Schülerinnen und Schüler setzen sich so mit aktuellen gesellschaftspolitischen Diskursen auseinander, wägen Argumente ab und formulieren begründete historisch-politische Urteile.

Einbettung in den Unterricht

Das Thema eignet sich sowohl für die Sekundarstufe I als auch für die Sekundarstufe II. Es bietet sich an, insbesondere auf lokale Straßennamen und eventuell stattgefundene oder aktuelle Debatten einzugehen. Aber auch wenn es keine laufende oder vergangene Debatte im lokalen Umfeld der Schülerinnen und Schüler gibt, kann auch die eigenständige Recherche zu einem oder mehreren Straßennamen der eigenen Stadt gewinnbringend sein.

Einstieg

  • Ausgangspunkt kann ein Straßenschild aus dem Umfeld der Schule sein: Wer war diese Person? Wann und warum erfolgte die Benennung? Für die Recherche bieten sich beispielsweise lokale Tageszeitungen oder deren Onlinearchive, kommunale Archive mit digitalisierten Ratsprotokollen oder auch städtische Informationsseiten sowie lokale Geschichtsvereine an.
  • Alternativ können Zeitungsüberschriften gezeigt werden, die Kontroversen um Straßenumbenennungen zum Thema haben.

Erarbeitung

  • Wo eine Debatte stattgefunden hat, kann diese durch die Schülerinnen und Schüler rekonstruiert werden: Welche historische Deutung und Wertehaltungen lassen sich erkennen: Geht es z.B. um eine Anerkennung von Opfergruppen oder muss ein historisches Thema aufgearbeitet werden? Welche Pro-/Contra-Argumente lassen sich herausarbeiten?
  • Methodisch bietet sich neben den analytischen Zugängen zu historischen Quellen und Sekundärliteratur, vor allem auch ein Rollenspiel an, bei dem die Schülerinnen und Schüler die Perspektive von verschiedenen am Aushandlungsprozess beteiligten Personen (Anwohnerin, Historiker, Stadträtin, Betroffene etc.). einnehmen.

Sicherung und mögliche Lernprodukte

  • Es wäre denkbar, dass Schülerinnen und Schüler einen Kommentar für ein konkretes Beispiel einer Straßenumbenennung entwickeln, der auf ihrer eigenen Recherche und ihrem historischen Sachurteil basiert.
  • Die Schülerinnen können einen (digitalen) Stadtplan der eigenen Stadt mit eigenen Straßenumbenennungen erstellen und kommentieren, z.B. mithilfe von uMap.
  • Auch können die Schülerinnen und Schüler medienwirksame Beispiele von Straßenumbenennungen erarbeiten und vorstellen, z.B. indem sie sich mit der Berichterstattung und Resonanz in den sozialen Medien auseinandersetzen und diese in einem selbstgewählten Format aufbereiten.
  • Ebenfalls möglich wäre, dass Schülerinnen und Schüler Vorschläge für eigenen Kandidatinnen und Kandidaten entwickeln, denen Straßenbenennungen in der eigenen Stadt zuteilwerden könnten.

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Über den Autor

Lars-Steffen Meier

Lehrer für Geschichte an einer Gesamtschule im Rheinland: Als "herrmeiermachtgeschichte" stellt er auf seinem gleichnamigen Blog und Instagram-Kanal Ideen für zeitgemäßen Geschichtsunterricht vor: Homepage: www.herrmeiermachtgeschichte.de Instagram: @herr_meier_macht_geschichte

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