Die interaktive Website „Jubel und Unrecht“ befasst sich mit NS-Zwangsarbeitslagern auf Sportplätzen und bietet so einen Zugang mit Lebenswelt- und Lokalbezug für den medienkompetenten Geschichtsunterricht.
Sport und Politik am Beispiel der Fußball-WM
Das Sport nicht unpolitisch ist, zeigt die Vergabe der FIFA-WM der Herren für das Jahr 2034 nach Saudi-Arabien: Wie schon zuvor in Russland (2018) und Katar (2022) setzten sich Geld und fragwürdige Geschäftsbeziehungen durch. Der DFB bemüht sich um eine Darstellung des Sports als Entertainment, welches scheinbar keine politische Ebene beinhaltet. Wie fragwürdig diese Annahme ist, zeigt – neben den vielen toten Arbeitern beim Stadionbau in Katar, die auch in Saudi-Arabien wieder zu erwarten sind – der Blick in die Geschichte.
(Fußball-)Sport unterm Hakenkreuz
Der DFB propagierte seit seiner Gründung im Jahr 1900 das Diktum der strengen Trennung von Sport und Politik. So sehr man sich den Nationalsozialisten nach der Machtübernahme im Januar 1933 aus machpolitisch-ökonomischen Motiven auch anbiederte – der Verband wurde ab 1936 schrittweise aufgelöst. Die Nationalsozialisten misstrauten dem DFB aufgrund des fehlenden ideologischen Fundaments und übten erheblichen Druck auf Vereine und Verbände aus. Der DFB und seine Mitglieder wurden gleichgeschaltet und nach dem Führerprinzip organisiert. Alle Vereine bekamen eine Einheitssatzung und mussten einen sogenannten „Vereinsführer“ bestimmen, der NSDAP-Mitglied sein musste. Nach Kriegsbeginn wurden Vereine enteignet (rechtliche Grundlage war das „Reichsleistungsgesetz“), um deren Flächen nutzen zu können. Jüdische Vereine überall in Deutschland wurden ab 1938 zerschlagen und deren Plätze standen leer. Gegen Kriegsende waren viele Sport- und Fußballplätze zudem verwaist, da der Spielbetrieb zunehmend zum Erliegen kam und aktive Spieler als Soldaten eingezogen wurden.
Sportstätten im Nationalsozialismus
Eine Untersuchung der Vielschichtigkeit von Sportplätzen empfiehlt sich auch in der unmittelbaren Umgebung. Denn diese Orte erzählen nicht nur Geschichten von sportlichen Siegen und Niederlagen, von Triumphen und dem Zusammensein. In der NS-Zeit waren Sportplätze oftmals Orte des Unrechts, weil dort Zwangsarbeitslager errichtet wurden. Gefangene des NS-Staats mussten in umliegenden Einrichtungen arbeiten, unter oft menschenunwürdigen Bedingungen wurden sie in der Industrie, Landwirtschaft, Verwaltung und Kriegsproduktion ausgebeutet.
Das Projekt „Jubel und Unrecht“ und der Einsatz im Unterricht
Das Team hinter dem Projekt „Von einem Ort des Jubels zu einem Ort des Unrechts. Zwangsarbeitslager auf Fußball- und Sportplätzen“ hat sich intensiv mit der oft unbekannten Geschichte von Zwangsarbeitslagern auf heutigen oder vormaligen Sport- und insbesondere Fußballplätzen auseinandergesetzt. Die Website erzählt in Form einer interaktiven, digitalen Karte die Geschichte(n) hinter den ehemaligen Lagern auf Fußball- und Sportplätzen in Deutschland und Österreich. Zusätzlich wird mit Zeitzeugen- und Zeitzeuginnen-Interviews, historischen Dokumenten und Luftaufnahmen umfangreiches, kontextualisierendes Zusatzmaterial geliefert, das einen Einsatz im Unterricht unterstützen kann. Träger des Projektes sind die Gedenkstätten Gestapokeller und Augustaschacht in Osnabrück.
Zugänglich ist die Website unter
Für einen interaktiven Einstieg steht ein Chatbot namens Alma bereit, der den Besucher/die Besucherin per Auswahl-Antworten durch die Website führt.Informationen zum Thema KI im Unterricht findet ihr im kostenlosen Klett-eCourse:
Einbettung im Unterricht
Die Unterrichtseinheit bietet sich beim Thema Nationalsozialismus an, besonders in den Themenbereichen Verfolgung, Zwangsarbeit bzw. NS-Wirtschaft. Ebenfalls denkbar wäre die Einheit im Zusammenhang mit der erinnerungskulturellen Auseinandersetzung des NS. Der Impuls bietet sich für eine Doppelstunde an, kann bei Bedarf aber auch über zwei Einzelstunden verteilt durchgeführt werden. Die SuS benötigen in ihren Gruppen einen Zugang zu einem digitalen Endgerät.
- Einstieg
Zunächst wirft die Lehrkraft Bilder von örtlichen Sportplätzen, die auf der interaktiven Website hinterlegt sind, an die Wand. Die SuS erraten die Sportplätze bzw. Vereine. Falls die Zahl der im Verein aktiven SuS gering ist, kann eine Zuordnung per Google-Maps-Screenshot Hilfestellung leisten. Alternativ können auch bekannte Fußballvereine (etwa Eintracht Frankfurt, Hamburger SV, Fortuna Düsseldorf) gewählt werden. Anschließend werden unter dem jeweiligen Bild knapp die dazugehörigen Zahlen eingeblendet: bspw. „150 Zwangsarbeiter aus Osteuropa“ oder „mindestens 100 deutsch-jüdische Zwangsverpflichtete“. Die SuS stellen Mutmaßungen über den Zusammenhang zwischen Text und Bildern an.
- Erarbeitung
Die LK leitet zum Thema der Stunde über: Zwangsarbeit auf Sportplätzen in der Umgebung während der NS-Zeit. In aller Kürze stellt die LK das Projekt „Jubel und Unrecht“ vor und wirft die Startseite der interaktiven Karte per Beamer an die Wand bzw. das Whiteboard. Je nach SuS-Beiträgen in der Einstiegsphase können genannte Sportvereine gesucht und der Aufbau der jeweiligen Einträge gezeigt werden. Ansonsten kann die LK einen Beispieleintrag aus der Region zeigen. Ziel der Erarbeitung ist es, dass die SuS in Gruppen (vier bis fünf SuS) einen Sportplatz in ihrer Nähe, der ein Ort des Unrechts war, recherchieren und der Klasse im Anschluss vorstellen. Dabei können und sollen sie sich der digitalen Karte sowie des angebotenen Zusatzmaterials bedienen. Die Lehrkraft kann (unter Aufgreifen der zuvor im Unterricht behandelten Aspekte) Fragen mitgeben, an denen sich die SuS orientieren können, etwa:
- Warum Sportplätze als Zwangsarbeitslager?
- Wer waren die Gefangenen?
- Wie viele Menschen wurden hier untergebracht? Unter welchen Bedingungen lebten sie hier?
- Wo mussten die Menschen arbeiten?
- Was geschah mit ihnen nach dem Krieg?
- Wie ging der Verein nach dem Ende der NS-Zeit mit dem Kapitel seiner Geschichte um?
Hierbei hat die LK die Möglichkeit zu differenzieren: Bei starken SuS können zusätzliche Impulse geliefert werden, etwa die Recherche von Einzelbiografien der Gefangenen. Eine gut aufbereitete Methodik bietet der Chatbot Alma, der eine engere Führung durch die Thematik offeriert. Hier werden die SuS durch ein Chatfenster begleitet und können die Einträge und das Thema erkunden. Gerade in den niedrigeren Jahrgangsstufen oder leistungsschwächeren Lerngruppen kann das unterstützen.
Es sollte genug Zeit für die Präsentationen eingeplant werden.
- Sicherung
Je nach technischer Ausstattung der SuS kann die Präsentation in Form von PowerPoint-Folien oder durch das Zeigen der jeweiligen Karteneinträge erfolgen. Die Lehrkraft moderiert die Beiträge der Gruppen und stellt die Ergebnisse in Relation. Dabei können etwa die Gefangenengruppen, die aufgezwungenen Tätigkeiten oder profitierende örtliche Firmen hervorgehoben werden. Im abschließenden Unterrichtsgespräch ist es wichtig, den verbrecherischen Charakter dieser Lager dezidiert herauszuarbeiten und die SuS für den kritischen Blick auf ihre unmittelbare Umgebung zu sensibilisieren.
- Mögliche Transfers
Neben dem geschilderten Unterrichtsimpuls sind noch andere Einsätze der Website und weiterführende Arbeiten denkbar:
- Die SuS könnten etwa persönlichen Schicksalen, denen sie in den Einträgen begegnen, nachgehen. Hier sind Projektarbeiten im Stadtarchiv eine Möglichkeit.
- Um den Blick auf den heutigen gesellschaftspolitischen Rahmen zu lenken und um das Thema Erinnerungskultur zu erweitern, könnte der Umgang großer Fußballvereine mit deren NS-Vergangenheit erforscht werden. (Eignen könnten sich hier der FC Bayern München in Hinblick auf den Umgang mit der eigenen jüdischen Vereinsgeschichte, Borussia Dortmund mit Dualität von Verwurzelung im antifaschistischen Arbeitermilieu und NSDAP-Funktionären in der Vereinsführung oder der FC Schalke 04, dessen Nähe zum Regime seine Erfolge in den 1930er- und -40er-Jahren.)
- Die Website „Jubel und Unrecht“ ist ein laufendes Projekt und lebt von Ergänzungen. Als Projektarbeit können die SuS selbst auf Recherche gehen und die Ergebnisse zu den örtlichen Sportvereinen und den Geschichten auf der Seite hochladen und so einen eigenen Beitrag zur Aufarbeitung leisten.

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