Die Überreste des Gebäudekomplexes Riebeckstraße 63 erinnern an einen Ort, der wie kein zweiter in Leipzig für soziale Ausgrenzung steht. Seit seiner Errichtung im Deutschen Kaiserreich diente das Areal im Leipziger Südosten bis in die frühen 1990er-Jahre der institutionalisierten Ausgrenzung und Gewalt. Der folgende Medientipp gibt euch verschiedene Impulse, wie ihr den Audio-Rundgang der Initiative Riebeckstraße 63 in eurem Unterricht einsetzen könnt. Ausführliche Informationen zur Geschichte des Ortes sowie weiterführende Linktipps findet ihr in der kostenlosen Kopiervorlage.

Die Initiative Riebeckstraße 63
Die Initiative Riebeckstraße 63 hat sich im Sommer 2019 am Ort der ehemaligen Städtischen Arbeitsanstalt gegründet. Seither setzt sich das Bündnis aus Einzelpersonen, zivilgesellschaftlichen, städtischen und wissenschaftlichen Akteurinnen und Akteuren für die mannigfaltige Ausgestaltung eines Erinnerungsortes zum Lernen und Gedenken am historischen Ort ein.
Bild links: Seit Frühjahr 2022 steht der Initiative Riebeckstraße 63 das ehemalige Pförtnerhaus (Flachbau, links im Bild) im Eingangsbereich des Geländes für Veranstaltungen und Ausstellungen zur Verfügung.
Audio-Rundgang
Die Initiative Riebeckstraße 63. Erinnern an Ausgrenzung, Arbeitszwang & Abweichung hat Quellen zum historischen Ort sorgfältig in einem Audio-Rundgang aufbereitet. Dieser nimmt dabei die wechselhafte Nutzung des Ortes seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in den Blick. Mit Hilfe einer digitalen Karte kann das Areal im Leipziger Südosten problemlos erschlossen werden; die Hörtracks des Audio-Rundgangs liefern zudem umfangreiche Kontextinformationen. Über verschiedene Stationen, die thematisch sowie nach historischen Schwerpunkten geclustert sind, können sich die Schülerinnen und Schüler die Geschichte der Riebeckstraße 63 medienkompetent erarbeiten. Die folgenden Impulse geben euch Anknüpfungspunkte für die Beschäftigung mit der Geschichte der Arbeitsanstalten sowie der Riebeckstraße 63 als historischem Ort. Als thematischer Einstieg eignen sich die folgenden Links sowie die Kopiervorlage zur Geschichte des Ortes seit dem Deutschen Kaiserreich:
Riebeckstraße 63 – Themenimpulse für den Unterricht
Ehemalige Arbeitsanstalten in der Nähe?
- Die Schülerinnen und Schüler können im Internet mit Hilfe einer Suchmaschine nach ehemaligen Arbeitshäusern bzw. Arbeitsanstalten in der Nähe ihres Heimatortes oder der nächstgrößeren Stadt suchen. Wenn sie fündig werden, sollen sie die Geschichte des Ortes in Stichpunkten zusammenfassen und anschließend kurz präsentieren. Im offenen Gespräch können im Klassenverband etwaige Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur Riebeckstraße 63 zusammengetragen werden.
Dekonstruktion Sozialpolitik im Kaiserreich
- Den ökonomischen Aufschwung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland deuten wir heute als einen erheblichen Fortschritt. Aber waren die damit verbundenen Errungenschaften gesellschaftlich allgemeingültig? In der Sozialgesetzgebung des Deutschen Kaiserreichs wurde zunächst zwar die soziale Absicherung der Bevölkerung als staatliche Aufgabe wahrgenommen, zugleich verfestigte sich jedoch die repressive Kehrseite der Sozialpolitik: Breite Teile der Bevölkerung wurden von den staatlichen Leistungen gänzlich ausgeschlossen. Basierend auf der christlichen Soziallehre sah sich der Staat verpflichtet, Menschen in Not zu helfen. Das aus diesem subsidiären Prinzip hervorgegangene Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe sollte fortan unter Aufsicht und Zwang in den Arbeitshäusern erfolgen.
- Im Unterrichtsgespräch ließe sich hierbei an eine aktuelle Debatte anschließen, in der von verschiedenen politischen Lagern immer wieder eine Arbeitspflicht für Empfängerinnen und Empfänger staatlicher Transferleistungen diskutiert wird. Mit Hilfe des historischen Vergleichs ließe sich beurteilen, inwiefern Sozialpolitik auch soziale Ausgrenzung bedeuten kann.
Verfolgung von „Gemeinschaftsfremden“ in der Riebeckstraße 63
- Im Kontext der Beschäftigung mit dem Themenkomplex Mythos „Volksgemeinschaft“ stellt der Audio-Rundgang exemplarisch die systematische Verfolgung sowie Lebensrealitäten von „Gemeinschaftsfremden“ und Kranken (sog. „Asoziale“ und Menschen mit Behinderung) in der Riebeckstraße 63 dar. Anhand eines biografischen Beispiels wird der jahrelange Leidensweg von Lina Alma Thieme, einem Opfer der nationalsozialistischen Zwangssterilisation und „Euthanasie“, nachgezeichnet. Ihre Verzweiflung und Angst während ihrer Internierung in der Riebeckstraße 63 bis zu ihrer Ermordung in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein werden anhand persönlicher Korrespondenz dargestellt.
Dekonstruktion Gleichberechtigung in der DDR
- Im Unterricht lässt sich der gewaltvolle Umgang mit Frauen in den Venerologischen Stationen der DDR in den Themenkomplex Gesellschaft in der DDR oder die Rolle der Frau in der DDR einbetten. Auch wenn der repressive Charakter des SED-Systems allgemein anerkannt ist, hält sich der Mythos der Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der DDR weiterhin in der öffentlichen Wahrnehmung und wird nicht selten verklärend bemüht. Die vorgebliche Emanzipation von Frauen in der DDR wurde nicht zuletzt als Propaganda genutzt, um sich von einem unzeitgemäßen Frauen- und Familienbild in der Bundesrepublik abzuheben. Frauen wurden allein aufgrund des Verdachts auf sexuell deviantes Verhalten in sog. Venerologischen Stationen eingewiesen und dort zwangsweise hospitalisiert. Hierin spiegelt sich vor allem eine demonstrativ zur Schau gestellte Verfügungsgewalt über Frauen wider, die den Vorstellungen der sozialistischen Lebensweise nicht entsprachen.
- Der Audio-Rundgang bietet rund um diesen Themenkomplex einen Überblick zur Geschichte der Riebeckstraße 63 als Venerologischer Station in Leipzig sowie zu den widrigen Aufenthaltsbedingungen der Zwangseingewiesenen vor Ort. Darüber hinaus verdeutlicht ein Romanauszug aus Bettina Wilperts Herumtreiberinnen die literarische Auseinandersetzung mit der Geschichte des Ortes. Anhand des Auszugs lässt sich im Unterricht die Eignung historischer Romane für den Geschichtsunterricht diskutieren. Dafür können die Auszüge der Geschichtserzählung und die Quellen zur Riebeckstraße 63 als Venerologischer Station gegenübergestellt werden.
Exkursion an den historischen Ort
- Mithilfe des Audio-Rundgangs sowie der Karte kann im Rahmen einer Exkursion der Gedenkort Riebeckstraße 63 schließlich selbst erkundet und erschlossen werden. Nach einer Voranmeldung können Schulklassen an geführten Rundgängen oder Workshops teilnehmen, sowie die im Februar 2025 eröffnete Ausstellung zur über 100-jährigen, von Gewalt und Ausgrenzung geprägten, Geschichte des Ortes besuchen. Die Ausstellung ist zudem immer donnerstags von 14 – 18 Uhr geöffnet.


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