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Zum Tod von Margot Friedländer: Zeitzeugen im Geschichtsunterricht

Zeitzeugen im Geschichtsunterricht zu Wort kommen zu lassen, kann eine große Bereicherung für den Unterricht und das historische Lernen sein. Ein gutes Zeitzeugeninterview stellt zugleich eine große Herausforderung für Lehrende und Lernende dar. Worauf ist besonders zu achten?

Die besondere Bedeutung von Zeitzeugen im Geschichtsunterricht

Die Einbindung von Zeitzeugen und ihren Erinnerungen in den Geschichtsunterricht bietet viele Chancen, Geschichte für die Schülerinnen und Schüler greifbarer zu machen. Denn Zeitzeugenberichte sind persönlicher und unmittelbarer, was das (historische) Lernen intensiviert und nachhaltiger macht.

Didaktische Überlegungen: Herausforderungen und Chancen

Mit Zeitzeugenberichten muss im Geschichtsunterricht sehr kritisch umgegangen werden, da sich das Berichtete aus den Erinnerungen an das Erlebte speist. Diese Subjektivität und auch die damit verbundenen Emotionen können zu Verzerrungen in den Berichten führen. Für Schülerinnen und Schüler ist es daher eine große Herausforderung, zwischen persönlicher Erinnerung und dem historischen Sachverhalt zu unterscheiden. Deshalb ist auch bei dieser Quellengattung eine quellenkritische Einordnung notwendig, um die narrative und emotionale Dimension der Zeitzeugenaussagen richtig einordnen und um die Plausibilität des jeweiligen Zeitzeugenberichts beurteilen zu können.

Mit diesem hohen Anspruch geht zugleich ein relativ hoher Vorbereitungsaufwand einher: Das Gespräch muss nicht nur fachlich vor- und nachbereitet werden, sondern es sind auch viele organisatorische Dinge zu bedenken.

Diesen Herausforderungen stehen aber auch große Chancen gegenüber. Zeitzeugen bieten einen authentischen und unmittelbaren Zugang zu historischen Ereignissen. Dieser persönliche Zugang kann das Interesse und die Motivation der Schülerinnen und Schüler erheblich steigern und ihnen so eine lebendige Vorstellung von historischen Prozessen vermitteln. Werden Zeitzeugeninterviews von den Schülerinnen und Schülern selbst durchgeführt, z.B. im Rahmen eines Geschichtsprojektes, kann dadurch zusätzlich das selbstständige und vor allem forschende Arbeiten gefördert werden.

Eine geschichtsdidaktisch reflektierte Zeitzeugenbegegnung fördert zudem die Kompetenz der Schülerinnen und Schüler, kritisch mit mündlich überlieferter Geschichte umzugehen, wie sie ihnen z.B. in geschichtskulturellen medialen Angeboten wie TV-Dokumentationen oder mittlerweile auch vermehrt in Form von verkürzten TikTok-Videos begegnet.

Wie finde ich Zeitzeugen?

Je nach Thema ist es nicht einfach, Zeitzeugen zu finden. Insbesondere Zeitzeugen, die aus der Zeit des Nationalsozialismus und über die Shoah berichten, können aufgrund ihres Alters immer seltener befragt werden. Das Maximilian-Kolbe-Werk ist hier eine sehr gute Anlaufstelle. Die Organisation vermittelt Zeitzeugenbegegnungen, die auch online durchgeführt werden können. Eine besondere Form der Auseinandersetzung mit der Geschichte von Shoah-Überlebenden bietet das wichtige Projekt „Zweitzeugen“ an. Indem Schülerinnen und Schüler ermutigt werden, Lebensgeschichten von Zeitzeugen weiterzutragen und sich gesellschaftlich zu engagieren, werden sie in die Lage versetzt, zu „Zweitzeugen“ zu werden. Oft können Zeitzeugen auch im familiären Umfeld der Schülerinnen und Schüler gefunden werden: Beispielsweise Großeltern, Eltern oder andere Verwandte haben häufig wichtige Geschichten zu erzählen.

Auch der lokale Geschichtsverein kann eine gute Anlaufstelle sein, um in Kontakt mit Zeitzeugen zu treten.

Eine weitere sehr gute Möglichkeit, Zeitzeugenberichte in den Unterricht zu integrieren, bieten digitalisierte Zeitzeugengespräche, wie sie z.B. auf dem Zeitzeugenportal zu finden sind. Solche digitalisierten Berichte ermöglichen viele methodische Zugänge. Durch das Videoformat können die Erinnerungen detailliert analysiert und beurteilt werden.

Auch wenn die Begegnung mit Zeitzeugen im Geschichtsunterricht viele Herausforderungen birgt, lohnt es sich auf jeden Fall, den Schülerinnen und Schülern eine solche Begegnung zu ermöglichen. Sie werden sie so schnell nicht wieder vergessen!

Einbettung im Unterricht

1. Vorbereitung

Nachdem ein Zeitzeuge gefunden wurde, müssen zunächst alle organisatorischen und fachlichen Vorbereitungen getroffen werden. Insbesondere die Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler ist wichtig: Sie benötigen historisches Kontextwissen, es sollten Fragen vorbereitet werden und auch die Subjektivität von Zeitzeugenberichten sollte bereits hier angesprochen werden. Darüber hinaus sollte – je nach Lerngruppe – sicherlich auch das Verhalten bei einer solchen Begegnung thematisiert werden. Falls das Zeitzeugengespräch aufgezeichnet werden soll, müssen auch dafür die entsprechenden Vorbereitungen getroffen werden (Technik, Datenschutzerklärungen usw.).

2. Durchführung

Je nach Absprache mit dem Zeitzeugen/der Organisation, sollte das Gespräch durch eine Begrüßung, Vorstellung und vor allem auch Einführung eingeleitet werden. Es sollte zudem geklärt werden, ob die Schülerinnen und Schüler ihre Fragen während des Berichts oder im Anschluss stellen (können).

3. Nachbereitung und Reflexion

Die Begegnung/das Gespräch muss mit den Schülerinnen und Schülern im Unterricht nachbereitet werden. Zunächst sollten die Lernenden die Möglichkeit bekommen, ihre Eindrücke und auch erste Erkenntnisse zu teilen. Dies kann in einem Klassengespräch geschehen oder auch durch spezielle Methoden wie z.B. eine anonymisierte Umfrage. Anschließend sollte das Erzählte mit dem historischen Kontext und/oder historischen Quellen verglichen werden, um die Plausibilität des Gehörten beurteilen und einordnen zu können. Am Ende dieser Nachbereitungsphase können die Schülerinnen und Schüler über die Bedeutung von Zeitzeugen für die Geschichtswissenschaft und den Geschichtsunterricht reflektieren. Die Aufnahme des Interviews kann in dieser Phase nochmals herangezogen werden, um mögliche Unstimmigkeiten zu beseitigen.

Zum Weiterlesen

In unserem Blogbeitrag Medientipp: Die Quellen sprechen“ gibt es weitere Anregungen für euren Unterricht – einschließlich eines Zeitzeugen-Interviews von Margot Friedländer (im Gespräch mit Thomas Muggenthaler am 01.04.2019 in Berlin).

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Über den Autor

Lars-Steffen Meier

Lehrer für Geschichte an einer Gesamtschule im Rheinland: Als "herrmeiermachtgeschichte" stellt er auf seinem gleichnamigen Blog und Instagram-Kanal Ideen für zeitgemäßen Geschichtsunterricht vor: Homepage: www.herrmeiermachtgeschichte.de Instagram: @herr_meier_macht_geschichte

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