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Unterrichtsimpuls: NS-Massenpropaganda im ländlichen Raum

Das „Reichserntedankfest“ auf dem Bückeberg bei Hameln gehörte zu einer der größten NS-Propagandaveranstaltungen. Seit 2022 gibt es dort einen „Dokumentations- und Lernort“ – ein lohnendes Ziel für eine Exkursion und/oder Auseinandersetzung im Unterricht.

Massenpropaganda im ländlichen Raum

Hitler – im Schnittpunkt der Bildachsen – steigt eine Treppe herauf, Uniformierte mit Hakenkreuz-Bannern stehen Spalier, im Hintergrund säumen Massen den Weg: Die Propaganda-Aufnahme (siehe Abbildung) findet sich in vielen Schulbüchern und ist berühmt. Nicht so bekannt ist der Kontext, in dem sie entstanden ist:

Sie zeigt Hitler während des „Reichserntedankfestes“ 1934 auf dem Bückeberg bei Hameln und ist keineswegs ein „Schnappschuss“, sondern das Resultat einer aufwendigen Inszenierung. Das „Reichserntedankfest“ war eine der größten Propagandaveranstaltungen des NS-Regimes. Hunderttausende Bäuerinnen und Bauern und andere Teilnehmende aus dem ganzen Reich reisten an, um der Veranstaltung beizuwohnen – bzw. selbst Teil der Inszenierung zu werden.

Höhepunkt der Inszenierung: Adolf Hitler durchschreitet auf dem „Mittelweg“ die Menschenmassen und betritt die Rednertribüne. Propagandaaufnahme, 1934

Adolf Hitler durchschreitet die Menschenmassen (Propagandaaufnahme, 1934)

Höhepunkt der Inszenierung: Adolf Hitler durchschreitet auf dem „Mittelweg“ die Menschenmassen und betritt die Rednertribüne. Propagandaaufnahme, 1934

Lange Jahre erinnerte nichts auf dem Bückeberg an das NS-„Event“, nur Experten und Ortskundige erkannten im Gelände Spuren der Vergangenheit (z.B. den bewachsenen Streifen, der einmal der „Mittelweg“ gewesen war, auf dem Hitler durch die Massen schritt, siehe „Teaserfoto“ ganz oben von 2010).

2022 wurde auf dem Bückeberg ein „Dokumentations- und Lernort“ eröffnet – und der Ort erhält die Beachtung, die ihm gerecht wird. Dort können die Besucherinnen und Besucher erforschen, wie das Gelände von dem NS-Architekten Albert Speer gestaltet wurde, wie die NS-„Volksgemeinschaft“ inszeniert wurde, wie die Faszination für den Krieg geweckt wurde.

Neuer „Dokumentations- und Lernort“ zur NS-Vergangenheit auf dem Bückeberg bei Hameln

„Dokumentations- und Lernort“ auf dem Bückeberg bei Hameln

Aufnahme des heutigen „Mittelwegs“ auf dem Bückeberg bei Hameln (Aufnahme: Dr. Rüdiger Fleiter, Leipzig)

„Dokumentations- und Lernort“ auf dem Bückeberg bei Hameln

„Dokumentations- und Lernort“ auf dem Bückeberg bei Hameln

Schautafeln am „Dokumentations- und Lernort“ auf dem Bückeberg bei Hameln (Aufnahme: Dr. Rüdiger Fleiter, Leipzig)

Medientipps

  • Die Seiten des Betreibers stellen den Lernort kurz vor, weisen auf Führungen und Zuschüsse zu Exkursionen hin und bieten Orientierung mit einem Lageplan des Geländes.
    https://bueckeberg-ggmbh.de/
  • Auf der Seite des „Vereins für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln e.V.“ wird umfassend, materialreich und historisch gesichert die Geschichte des NS-„Reichserntedankfestes“ sowie die Realisierung des Lernortes inkl. der Widerstände gegen das Projekt dokumentiert. Vorsitzender des Vereins ist der Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom, der die Aufarbeitung der NS-Geschichte vor Ort angestoßen und über Jahre betrieben hat. Die Seite eignet sich sowohl zur Vorbereitung einer Exkursion als auch als Fundgrube zur Unterrichtsvorbereitung, u.a. gibt es einen von Studierenden entwickelten Film „Der Bückeberg – Ein unbequemes Denkmal“.
    https://www.dokumentation-bueckeberg.de/de/index.html
  • Bernhard Gelderblom: Die NS-Reichserntedankfeste auf dem Bückeberg 1933-1937. Aufmarsch der Volksgemeinschaft und Massenpropaganda, Verlag Jörg Mitzkat, 2018

Einbettung im Unterricht

Es bieten sich zahlreiche Anknüpfungspunkte für eine Beschäftigung mit dem „Lernort Bückeberg“ – mit oder ohne Besuch vor Ort.

Thematischer Aufhänger: Hitler-Kult

Im Rahmen der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus kann am Beispiel des „Reichserntedankfestes“ die Verehrung Hitlers als charismatischer Führer thematisiert werden. Die Nationalsozialisten setzten auf Massenveranstaltungen, um Begeisterung für Hitler zu wecken. Höhepunkt des NS-Reicherntedankfestes war Hitlers „Weg durch das Volk“. Die gesamte Inszenierung des Festes und Gestaltung des Geländes war auf diesen Programmpunkt hin zugeschnitten. Gefeiert werden sollte die Einheit des „Führers“ mit „seinem“ Volk, Hitler schüttelte auf dem „Mittelweg“ zahlreiche Hände und ließ sich feiern.

Thematischer Aufhänger: NS-Ideologie

Am Beispiel des „Reichserntedankfestes“ können auch zentrale Elemente der NS-Ideologie im Unterricht behandelt werden. Wie bereits der Name suggeriert, sollte es sich um ein „Erntedankfest“ der Landbevölkerung handeln. Bäuerinnen und Bauern sollten mit ihren Trachtengruppen aus allen „NS-Gauen“ des Reiches zusammenkommen, um die Bauern als „Kraftquellen“ und „Ursprung der deutschen Kultur“ zu feiern. Grundlage war die „Blut und Boden“-Ideologie – also die vermeintliche Einheit von Bauerngeschlechtern mit ihrem Land. Tatsächlich waren Bäuerinnen und Bauern auf dem Fest zwar zahlreich vorhanden (sie waren auch eine wichtige Trägerschicht des Nationalsozialismus), bildeten aber gegenüber anderen Gruppen die Minderheit. Anwesend waren auch Beamte und Angehörige des öffentlichen Dienstes (sie wurden von der Arbeit freigestellt) und – im Unterschied zu anderen NS-Massenveranstaltungen – viele Frauen und Kinder.

Thematischer Aufhänger: Kriegsvorbereitung

Schließlich war auf dem NS-„Event“ auch zu beobachten, wie die Gesellschaft militarisiert und auf einen Krieg vorbereitet wurde. Der Aspekt des Erntedanks spielte nämlich im tatsächlichen Festprogramm eine untergeordnete Rolle. Neben militärischen Elementen wie Aufmärschen und Hitlers Abschreiten von Ehrenkompanien der Wehrmacht fanden in der Ebene hinter der Rednertribüne Schauübungen der Wehrmacht statt, die die Besucherinnen und Besucher vom Festgelände aus beobachteten.

Die Organisatoren inszenierten das Fest als Zusammenkunft der NS-„Volksgemeinschaft“. Ein besonderes Gemeinschaftsgefühl wurde erzeugt durch gemeinsames Singen, Warten, Erleben, An- und Abreisen und das eigene Berauschen an der Wirkung der Menschenmassen. Belegt werden kann am Beispiel des „Reichserntedankfestes“ aber auch die Kehrseite der „Volksgemeinschaft“: Jüdische Ärzte aus dem benachbarten Hameln durften z.B. auf dem Bückeberg keinen Sanitätsdienst leisten, jüdische Kaufleute ihre Geschäfte an den Festtagen nicht öffnen, SPD- und KPD-Anhänger waren während des Festes im Zuchthaus Hameln eingesperrt.

Dekonstruktion

Anhand des „Reichserntedankfestes“ kann auch die NS-Propaganda im Unterricht thematisiert und dekonstruiert werden. Der Blick von heute auf den Nationalsozialismus ist durch Propagandafotos geprägt – sie finden sich auch in den Geschichtsbüchern und sind entsprechend ausgewiesen. Dennoch muss den Schülerinnen und Schülern immer wieder bewusst gemacht werden, dass ihr Quellenwert zu hinterfragen ist. Propagandafotos zeigen nicht die Realität, sondern eine Inszenierung der Realität – wie am Beispiel des eingangs erwähnten und oben zu sehenden Fotos von Hitler auf dem Bückeberg belegt werden kann.

Tatsächlich gab es auf dem „Reichserntedankfest“ Begeisterung für Hitler. Aber sie war auch das Produkt einer sorgsamen Planung und wurde durch NS-Propagandaexperten verstärkt. Das gesamte Areal des Festplatzes war durch den NS-Architekten Albert Speer so angelegt, dass Hitler optimal zur Geltung kam. Der „Mittelweg“ des Führers (siehe Foto, 2024) wurde durch Erdarbeiten um einige Meter erhöht, sodass Hitler exponiert durch die Volksmassen schreiten konnte und überall gut zu sehen war. Ferner hatte Speer den gesamten Festplatz zu beiden Seiten entlang des „Mittelweges“ ansteigen lassen. So entstand ein riesiges Amphitheater, umsäumt von einem „Oval der Fahnen“. Die gesamte Architektur und Programmgestaltung hatten nur einen Zweck: Die „Einheit von Führer und Volk“ zu beschwören und Hitler zu überhöhen.

Ein ganz anderes Bild bekommt übrigens, wer sich private Aufnahmen des Festes anschaut. Diese Fotos zeigen keine Symmetrieachsen und Aufmärsche, sondern Alltagsszenen mit essenden, trinkenden und sich langweilenden Menschen (abgedruckt in: Bernhard Gelderblom: Die NS-Reichserntedankfeste auf dem Bückeberg 1933-1937).

Exkursion

Der „Dokumentations- und Lernort Bückeberg“ kann im Rahmen von Exkursionen mit Schulklassen besichtigt werden. Die Lernenden werden vielleicht im ersten Moment sagen: „Hier ist doch nur eine Wiese. Das soll alles sein?“ Doch der erste Eindruck täuscht. Jeder historische Ort muss erst einmal „zum Sprechen gebracht werden“ – und das ist mit der Ausstellung zweifellos gelungen.

Die Besucher erkunden das Gelände entlang der Stationen „Propaganda“, „Führerkult“, „Teilnehmende“, „Gewalt und Krieg“, „Entwurf und Bau“, „Organisation“, „Erntedank“ und „nach 1945“. Der freigelegte, erhöhte „Mittelweg“ verbindet die ehemalige Ehrentribüne (auf deren Fundamenten eine Besucherplattform errichtet wurde) und die ehemalige Rednertribüne am Fuße des Berges. Diese ist nicht erhalten und wurde in Form einer Baumpflanzung wieder sichtbar gemacht.

Der Weg über den Festplatz mit vielen Schautafeln macht die Dimensionen der Massenveranstaltung erfahrbar. Die Umgestaltung des Festgeländes durch Albert Speer zu Propagandazwecken kann am authentischen Ort nachvollzogen werden. Vorbildlich werden auf den Schautafeln Propagandafotos dekonstruiert. Auch die Geschichte des Ortes nach 1945 ist erfahrbar. So liegen die später erbauten Häuser teilweise an der alten Pflasterstraße, die Besuchertreppe des Festgeländes ist erhalten und führt mitten durch eine Wohnsiedlung hinunter zur Weser.

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Über den Autor

Dr. Rüdiger Fleiter

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