Mit der bevorstehenden Bundestagswahl finden auch Wahlplakate wieder ihren Weg an die Laternenmasten der Nation. Die bunten, oft provokanten Poster sind sowohl Werbemittel für politische Programme als auch strategisches Werkzeug, um Wählerinnen und Wähler zu beeinflussen. Nicht nur populistische Parteien nutzen dabei häufig historische Anspielungen und Narrative.
Die Macht der Geschichte
Die Verwendung historischer Bezüge auf Wahlplakaten ist keinesfalls neu: Viele Parteien haben in der Vergangenheit gezielt auf historische Ereignisse und Figuren zurückgegriffen. So trat Katarina Barley als Spitzenkandidatin der SPD bei der Europawahl 2024 an und ließ sich auf Plakaten mit „Katarina, die Starke“ betiteln. Damit weckte sie Assoziationen mit Katharina der Großen, der russischen Zarin, die zwar zahlreiche Reformen vorantrieb, aber auch Teile der heutigen Ukraine eroberte und damit von einigen Historikerinnen und Historikern als historisches Vorbild des russischen Präsidenten Vladimir Putin gesehen wird. Ob diese Assoziation beabsichtigt war?
Sehr wohl beabsichtigt sind die zahlreichen historischen Anspielungen der PARTEI auf ihren Wahlplakaten. So warb die Satirepartei zur Europawahl 2024 mit einem Bild der ägyptischen Königin Nofretete, deren berühmte Büste seit über 100 Jahren in Berlin ausgestellt ist, unter der Überschrift „Zum Glück bin ich deutsch!“, und karikierte damit nicht nur die Debatte um die Rückgabe der Büste, sondern auch die Absurdität eines rechtskonservativen Nationalstolzes.
Und auch im Bundestagswahlkampf wird die ein oder andere Partei kaum Halt vor historischen Referenzen machen und damit auf kollektive Erinnerungen zurückgreifen, die tief im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert sind. Dies kann beispielsweise durch die Verwendung von Symbolen oder Slogans geschehen, die an vergangene Konflikte oder nationale Erfolge erinnern. Solche Anspielungen können eine starke emotionale Resonanz erzeugen und dazu führen, dass sich Wählerinnen und Wähler mit den Botschaften identifizieren.
Historische Referenzen in politischen Kontexten können folgende Funktionen haben:
- Identitätsstiftung: Durch die Bezugnahme auf nationale oder kulturelle Geschichte(n) schaffen Parteien ein Gefühl von Zugehörigkeit und Identität.
- Emotionale Ansprache: Historische Ereignisse können starke Emotionen hervorrufen, sei es Stolz, Angst oder Trauer.
- Vereinfachung komplexer Themen: Komplexe politische Sachverhalte werden durch einfache historische Analogien verständlicher gemacht – aber eben auch stark vereinfacht und oft verfälscht.

(Foto oben rechts) Wahlplakat aus der Reihe „Aus Europas Geschichte lernen“ der Berliner AfD im Rahmen der Europawahl 2019.
Zu sehen ist das Gemälde „Der Turmbau zu Babel“ von Pieter Bruegels d. Ä. (um 1563). Bruegels Darstellung bezieht sich auf die biblische Erzählung Genesis (11,1–9), in der das „Volk“ Noahs einen Turm baut, der bis in den Himmel reichen soll. Gott straft diese Hybris der Menschen durch die Verwirrung der Sprache und ihre Zerstreuung über die ganze Erde. Wollte die AfD mit der Verwendung des Bildes eine Aussage zur Einwanderungspolitik treffen und vor einer vermeintlichen „Verwirrung der Kultur“ warnen?
„Aus Europas Geschichte lernen“ ?
Für besondere Aufmerksamkeit sorgte im Rahmen der Europawahl 2019 eine Plakatserie der Berliner AfD. Unter dem Kampagnentitel „Aus Europas Geschichte lernen“ bediente sich die Partei jahrhundertealter Werke von bedeutenden Künstlern der europäischen Kunstgeschichte, darunter Gemälde von Giuseppe Arcimboldo und Pieter Bruegel d. Ä., und deutete die Darstellungen zu ihren Zwecken um. So erging es auch dem Gemälde „Le Marché d’esclaves“ (Der Sklavenmarkt) des französischen Malers Jean-Léon Gérôme.
Im Zentrum des Bildes: eine hellhäutige, nackte Frau, umringt von dunkelhäutigen Männern in orientalischen Gewändern. Schutzlos scheint sie den Übergriffen der offenbar arabischstämmigen Sklavenhändler ausgeliefert zu sein. Darüber steht in großen weißen Buchstaben: „Damit aus Europa kein ,Eurabien‘ wird!“. Nur der Schambereich ist vom „rettenden“ blauen Band der AfD verdeckt, das verlauten lässt: „Europäer wählen AfD!“
Gérôme ist einer der bekanntesten französischen Maler des „Orientalismus“, einem Kunststil im Europa des 19. Jahrhunderts, der durch die klischeehaft-mystische Darstellung der arabisch-islamischen Welt gekennzeichnet ist. Seine Motive zeigen aber keinesfalls die Realität des arabischen Alltagslebens, sondern die Vorurteile und Fantasien des europäischen Publikums, die nicht zuletzt von kolonialistischen Vorstellungen geprägt waren.
Als wäre die unkontextualisierte Darstellung des Historiengemäldes nicht ohnehin schon ein Problem gewesen, ging die Berliner AfD noch einen Schritt weiter: Sie missbrauchte die historische Quelle nicht nur, indem sie die Darstellung auf dem Gemälde als vermeintlich reales Ereignis plakatierte, sondern instrumentalisierte sie zugleich durch die Ergänzung ihrer populistischen Wahlslogans, um vor der angeblich bevorstehenden „Islamisierung des Abendlandes“ zu warnen.
An diesem Beispiel lässt sich Schülerinnen und Schülern gut zeigen, wie gesellschaftlich überdauernde Klischees und Stereotype von populistischen Parteien wie der AfD instrumentalisiert werden.
Einbettung im Unterricht
Unterrichtsideen zu Wahlplakaten mit historischen Bezügen:
- Analyse von Wahlplakaten: Lasst eure Schülerinnen und Schüler verschiedene Wahlplakate recherchieren und analysieren. Welche historischen Anspielungen werden verwendet? Sind die historischen Figuren oder Ereignisse angemessen oder verzerrt dargestellt? Wie wird Sprache eingesetzt? Welche Emotionen sollen geweckt werden?
- Diskussion über Populismus: Führt eine Diskussion über Populismus im Allgemeinen und dessen Einfluss auf die Gesellschaft. Welche Rolle spielt Geschichtsbewusstsein in diesem Kontext? Wie können historische Narrative manipuliert bzw. zur Manipulation verwendet werden?
- Kreatives Projekt: Fordert die Klasse auf, eigene Wahlplakate zu gestalten – entweder für eine fiktive Partei oder als satirische Auseinandersetzung mit bestehenden Plakaten. Dies fördert ein kritisches Bewusstsein für politische Kommunikation.


Hinterlasse einen Kommentar