Ehrenamtliches Engagement
Besonders in Regionen und Orten, wo die Wege länger sind und Angebote nicht lokal stattfinden (siehe: Geographische Modelle), ist vernetztes ehrenamtliches Engagement eine entscheidende Voraussetzung für eine lebendige Gemeinschaft.
Ehrenamtliches oder bürgerschaftliches Engagement meint Tätigkeiten, die freiwillig, am Gemeinwohl orientiert und nicht auf materiellen Gewinn ausgerichtet sind. Sie finden im öffentlichen Raum statt und werden häufig gemeinschaftlich und kooperativ organisiert (Deutscher Bundestag 2022, S. 24; Willisch 2021). Dabei umfasst Engagement ein breites Spektrum: von klassischen Ehrenämtern im Verein über karitative Unterstützung bis hin zu politischer Beteiligung.
Gerade in ländlichen Räumen betrifft es verschiedene Bereiche des Alltags: Sportvereine, Feuerwehren, Kirchgemeinden, Rettungswesen, Kulturinitiativen, Nachbarschaftshilfe, kommunalpolitische Beteiligung oder auch projektbezogene Zusammenschlüsse. Hierbei zeigt sich Engagement nicht mehr nur in klassischen Vereinsformen. Neben dauerhaft organisierten Strukturen gewinnen auch flexiblere, projektorientierte und digitale Formen der Zusammenarbeit immer mehr an Bedeutung.
Unterschiedliche Formen des Engagements
Bürgerschaftliches Engagement ist vielfältig und übernimmt unterschiedliche Funktionen. Dabei lassen sich, angelehnt an die Ausarbeitung von Willisch 2021, verschiedene Typen von Engagement unterscheiden:
- Alltagsbezogenes Engagement: Dazu zählen vor allem Vereine, Feuerwehren oder kirchliche Gruppen. Sie sind fest im lokalen Leben verankert, bieten verlässliche Strukturen und sichern zentrale Angebote in Sport, Kultur und sozialer Unterstützung.
- Gemeinschaftsorientiertes Engagement: Hierzu gehören Initiativen, die das soziale Miteinander stärken, etwa durch kulturelle Projekte, Freizeitangebote oder nachbarschaftliche Netzwerke. Sie tragen besonders zur lokalen Identität und zum Zusammenhalt bei.
- Gestaltendes Engagement: Diese Form zielt darauf ab, Veränderungen anzustoßen und den Ort aktiv weiterzuentwickeln. Dazu gehören beispielsweise Wählergemeinschaften oder Initiativen, die sich in kommunalpolitische Prozesse einbringen. Im Unterschied zu rein unterstützenden Tätigkeiten geht es hier um Mitsprache, Einflussnahme und die Umsetzung eigener Ideen (vgl. Willisch 2021).
Engagement in ländlichen Räumen
Freiwilliges Engagement wird in allen Regionen Deutschlands ausgeübt: Über 30 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren engagiert sich freiwillig. Es ist allerdings in ländlichen Regionen stärker vertreten, dies spiegeln die Auswertungen des Deutschen Freiwilligensurveys 2024 wider. In diesem Jahr engagierten sich hier 38,4 Prozent der Menschen freiwillig, in städtischen Räumen waren es 35,8 Prozent (Fritzsche et al. 2024, S. 44). In sehr ländlichen Räumen lag der Anteil sogar bei 44,1 Prozent im Jahr 2019 (Kühn und Kleiner 2023, S. 13).
Ehrenamtliches Engagement in ländlichen Räumen erfüllt dabei mehr als nur eine organisierende Funktion. Es hält Menschen in Ortschaften zusammen, schafft soziale Nähe und hilft, Versorgungslücken auszugleichen. Wo es an Infrastruktur mangelt, entstehen durch gemeinsames Handeln Angebote wie Dorfläden, Bürgerbusse, kulturelle Treffpunkte oder Unterstützungsangebote für ältere und hilfsbedürftige Menschen. Das Engagement stärkt gleichzeitig die demokratische Teilhabe, weil die Bewohnerinnen und Bewohner lernen, Interessen auszuhandeln, Verantwortung zu übernehmen und ihren Ort aktiv mitzugestalten. Oft reichen bereits wenige Initiatoren und Aktive aus, um vor Ort etwas zu bewegen (Willisch 2021).
Chancen und Grenzen von Engagement
So wichtig Netzwerke und Ehrenamt sind, so funktionieren sie nicht von selbst. Freiwillige brauchen die entsprechende Zeit, Verlässlichkeit, Anerkennung und gute Rahmenbedingungen für die Ausübung. Fehlende Mobilität, lange Wege, schwache Infrastruktur oder ungleiche Verteilung von Verantwortlichkeiten erschweren die Beteiligung vieler Menschen. Besonders deutlich wird es dort, wo Engagement auf den Schultern weniger Aktive ruht. Damit Netzwerke dauerhaft bestehen, müssen sie offen für Anpassungen bleiben, neue Engagierte einbinden und unterschiedliche Lebensrealitäten berücksichtigen (siehe z.B.: Frauen.Vielfalt.Politik).
Fazit
Netzwerke und ehrenamtliches Engagement sind in ländlichen Räumen Deutschlands ein grundlegender Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Sie verbinden Menschen, schaffen Handlungsspielräume und machen Orte resilienter, mit Wandel umzugehen. Durch die Vermischung aus persönlichen Beziehungen, lokalem Verantwortungsgefühl und neuen Formen des Mitmachens zeigt sich, wie stark ländliche Räume durch gemeinsames Handeln geprägt ist.
Einbettung in den Unterricht
- Einstieg: Impulsfrage: „Wer sorgt eigentlich dafür, dass in eurem Ort Freizeitangebote, Feste oder Hilfsangebote stattfinden?“ Sammlung von Beispielen aus den Erfahrungen der Schüler:innen (Tafel oder Mentimeter)
- Erarbeitung: Arbeitsteiliges Vorgehen in Gruppen (Regionenvergleich). Jede Gruppe untersucht einen unterschiedlichen Regionstyp (wenn möglich in regionaler Nähe), z. B.: 1. Strukturschwache ländliche Raum, 2. Touristisch geprägter ländlicher Raum, 3. Stadtnaher ländlicher Raum, 4. Wirtschaftsstarker ländlicher Raum
- Arbeitsauftrag: Die Schülerinnen und Schüler untersuchen mithilfe ihres Smartphones, Tablet oder Laptop folgende Fragen: Welche Formen von Engagement sind vor Ort typisch? Welche Netzwerke lassen sich erkennen? Welche Funktionen erfüllt das Engagement? Welche Probleme und Herausforderungen gibt es?
- Ergebnissicherung: Die Ergebnisse der einzelnen Gruppen werden nacheinander vorgestellt und verglichen.
Unterrichtsziele
Die Schülerinnen und Schüler…
- beschreiben Formen und Funktionen ehrenamtlichen Engagements in ländlichen Räumen,
- analysieren Unterschiede von Engagementstrukturen in verschiedenen Regionstypen,
- erklären die Bedeutung von Netzwerken für gesellschaftlichen Zusammenhalt und regionale Entwicklung,
- bewerten Chancen und Grenzen ehrenamtlichen Engagements und
- entwickeln eigene Ideen zur Förderung von Engagement im eigenen Lebensumfeld.
Weitere Beiträge zur Serie „Ländliche Räume“
Teil 1: Vielfalt ländlicher Räume in Deutschland
Teil 2: Identität und Zugehörigkeit in ländlichen Räumen
Teil 3: Engagement und Netzwerke in ländlichen Räumen
Teil 4: Visionen und Zukunft
Quellen und Links
Deutscher Bundestag (Hrsg.) (2022): Bericht der Enquete-Kommission “Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements”. Bürgerschaftliches Engagement: auf dem Weg in eine zukunftsfähige Bürgergesellschaft. Bundestagsdrucksache 14/8900. Berlin.
Frauen.Vielfalt.Politik (o. J.): Ländliche Räume. Online verfügbar unter: https://frauen-vielfalt-politik.de/wissen/themen/laendliche-raeume/
Fritzsche, Anne; Leven, Ingo; Rysina, Anna; Schneekloth, Ulrich; Wolfert, Sabine (2024): Freiwilliges Engagement in Deutschland. Zentrale Ergebnisse des Sechsten Deutschen Freiwilligensurveys (FWS 2024). Studie im Auftrag der Staatsministerin für Sport und Ehrenamt.
Kühn, Marie; Kleiner, Tuuli-Marja (2023): Ungleiches Engagement in ländlichen und nicht-ländlichen Räumen. Bericht zur Sonderauswertung „Freiwilliges Engagement in unterschiedlichen Raumtypen“. Braunschweig: Thünen-Institut.
Rammelmeier, Maria (2023): Freiwilliges kulturelles Engagement in ländlichen Räumen: Vielfalt, Herausforderungen und Lösungsansätze. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/artikel/freiwilliges-kulturelles-engagement-laendlichen-raeumen-vielfalt-herausforderungen
Willisch, Andreas (2021): Bürgerschaftliches Engagement als Gestaltungsengagement. In: Bundeszentrale für politisches Bildung (bpd): https://www.bpb.de/themen/stadt-land/laendliche-raeume/343480/buergerschaftliches-engagement-als-gestaltungsengagement/


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