Identität und Zugehörigkeit in ländlichen Räumen
Fragen wie „Wer gehört dazu?“, „Was macht einen Ort aus?“ oder „Wann fühlt man sich heimisch?“ spielen im Alltag ländlicher Gemeinden eine besondere Rolle. Zugehörigkeit in ländlichen Räumen ist häufig enger an soziale Beziehungen, Alltagspraktiken und lokale Vorstellungen von Gemeinschaft gebunden als in eher anonymen städtischen Kontexten (Busch 2021; Dirksmeier 2025).
Gleichzeitig stehen viele ländliche Regionen vor tiefgreifenden Veränderungen: demografischer Wandel (Beitrag), Abwanderung junger Menschen, Zuzug neuer Bevölkerungsgruppen, Strukturwandel oder veränderte Lebensstile (ARL 2019). Diese Prozesse beeinflussen nicht nur die äußere Gestalt ländlicher Räume, sondern auch das Selbstverständnis der dort lebenden Menschen. Identität und Zugehörigkeit werden dabei neu ausgehandelt: Zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen, zwischen Tradition und Wandel sowie zwischen lokalen Bindungen und globalen Einflüssen (Glorius 2022; Schneider 2025).
Zentrale Begriffe und Perspektiven
Identität
Identität beschreibt, wie Menschen sich selbst verstehen, also das Selbstbild einer Person. Sie entsteht nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel von individuellen Erfahrungen, sozialen Beziehungen und räumlichen Bezügen (Anthias 2018; Pfaff-Czarnecka 2011). Der Wohnort, das Dorf oder die Region können dabei eine wichtige Rolle spielen, weil sie Orientierung, Vertrautheit und soziale Einbindung bieten. In ländlichen Räumen ist Identität häufig eng mit dem Ort verbunden, etwa über Landschaft, regionale Geschichte, familiäre Verwurzelung oder Vereinsleben (Busch 2021; Knaps & Herrmann 2018).
Menschen können mehrere, sich überlagernde Identitäten haben, beispielsweise als Dorfbewohnerin, Jugendlicher, Pendlerin oder Zugezogener (Anthias 2018). Gerade junge Menschen in ländlichen Regionen verbinden häufig eine starke emotionale Bindung an ihren Herkunftsort mit Zukunftsvorstellungen, die auch das Wegziehen oder zeitweise Leben an anderen Orten einschließen (Hofstede 2024).
Zugehörigkeit
Der Begriff Zugehörigkeit geht über Identität hinaus und beschreibt, ob Menschen sich als Teil einer Gemeinschaft fühlen und ob sie von anderen als dazugehörig anerkannt werden (Pfaff-Czarnecka 2011). Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe entsteht aus gemeinsamen raumspezifischen Erfahrungen, alltägliche Begegnungen und Möglichkeiten zur Teilhabe, etwa in der Nachbarschaft, im Ehrenamt oder im Vereinsleben (Beitrag). Gerade in ländlichen Räumen spielen persönliche Bekanntschaften und informelle Netzwerke eine zentrale Rolle für das Zugehörigkeitsgefühl. Zugleich ist Zugehörigkeit kein gegebener Zustand. Forschungen zu Migration machen deutlich, dass Zugehörigkeit häufig an bestimmte Erwartungen geknüpft wird, wie an Anpassung, Engagement oder lange Ortsansässigkeit (Glorius 2022; Schneider 2025).
Kriterien von Identität und Zugehörigkeit
Folgende Kriterien sind für Identität und Zugehörigkeit besonders prägend:
- Nähe und Überschaubarkeit: Die soziale Nähe in Dörfern und Kleinstädten kann Gemeinschaften stärken, aber auch zu sozialer Kontrolle und Anpassungsdruck führen (Busch 2021)
- Bedeutung von Alltagspraxis und Tradition: Feste, Rituale und Vereine wirken identitätsstiftend und strukturieren Zugehörigkeit im Alltag (Knaps & Herrmann 2018)
- Grenzziehungen zwischen „dazugehörig“ und „fremd“: Zugehörigkeit wird häufig über soziale und kulturelle Merkmale ausgehandelt (Aspekte wie Alter, Geschlecht, Lebenslage, Migrationsgeschichte), was zu Ein- und Ausschlüssen führen kann (Glorius 2022)
- Wandel und Aushandlung: Migration, neue Lebensentwürfe und wirtschaftliche Veränderungen führen dazu, dass ländliche Identitäten dynamisch sind und immer wieder neu verhandelt werden (Hofstede 2024)
Diese Merkmale verdeutlichen, dass ländliche Räume keine homogenen Gemeinschaften sind, sondern soziale Räume, in denen Identität und Zugehörigkeit aktiv hergestellt wird.
Ländliche Räume als Orte sozialer Aushandlung
Identität und Zugehörigkeit sind also zentrale Schlüsselbegriffe, um das Zusammenleben von Gesellschaften zu verstehen. Sie machen sichtbar, dass es in ländlichen Räumen nicht nur um Infrastruktur oder wirtschaftliche Entwicklung geht, sondern auch um soziale Beziehungen, Anerkennung und das Gefühl von Heimat (Anthias 2018; Busch 2021).
Für den Unterricht bieten diese Themen besondere Chancen, da sie an die Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern anknüpfen und zugleich gesellschaftliche Fragen von Zusammenhalt, Vielfalt und Wandel thematisieren.
Unterrichtsziele
Die Schülerinnen und Schüler sollen anhand dieses Unterrichtsimpulses
- erkennen, dass Zugehörigkeit in ländlichen Räumen sozial hergestellt wird und von Orten, Beziehungen und Alltagspraxen abhängt,
- analysieren, welche Faktoren Zugehörigkeit im eigenen Wohnort oder in einer ländlichen Gemeinde fördern oder erschweren, und
- reflektieren, wie Gemeinschaft, Ein- und Ausschluss erlebt werden.
Unterrichtsaufgabe
„Zugehörigkeit vor Ort: Wer gehört dazu?“ Die Schülerinnen und Schüler untersuchen mithilfe ihres Smartphones, Tablet oder Laptop, wie Zugehörigkeit in ihrem Wohnort oder einer ländlichen Gemeinde in ihrer Region entsteht.
- Sie sollen beschreiben, was ihren Ort oder eine ländliche Gemeinde prägt (z. B. Orte, Vereine, Treffpunkte).
- In Kleingruppen von 4-5 Personen besprechen sie anschließend, wann Menschen dort als „dazugehörig“ gelten.
- Gemeinsam sollen sie notieren, welche Faktoren Zugehörigkeit fördern und welche sie erschweren.
- Die Ergebnisse können optional mit einem städtischen Raum in ihrer Region verglichen werden.
Weitere Beiträge zur Serie „Ländliche Räume“
Teil 1: Vielfalt ländlicher Räume in Deutschland
Teil 2: Identität und Zugehörigkeit in ländlichen Räumen
Teil 3: Engagement und Netzwerke in ländlichen Räumen
Teil 4: Visionen und Zukunft
Quellen zum Thema Identität und Zugehörigkeit
- Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) (2019): Ländliche Räume. Nachrichten der ARL, Heft 02/2019.
- Anthias, Floya (2018): Identity and Belonging: Conceptualizations and Reframings. In: Identity, Routledge.
- Busch, Claudia (2021): Dörfliche Gemeinschaft im ländlichen Idyll. Zum Ursprung eines Narrativs. Wiesbaden: Springer VS.
- Dirksmeier, Peter (2025): A sense of belonging to the neighbourhood in places beyond the metropolis – the role of social infrastructure. Hannover: Humanities & Social Sciences Communications.
- Glorius, Birgit (2022): Neue Heimat ländlicher Raum? Zum Umgang mit Einwanderung und »Fremdheit« in ländlichen Gemeinden in Deutschland. In: Belina et al. (Hg.): Ungleiche ländliche Räume. Transcript.
- Hofstede, Henk (2024): Making sense of rural identities in future horizons of Dutch and German students. Journal of Rural Studies, 107.
- Knaps, Falco/Herrmann, Sylvia (2018): Analyzing cultural markers to characterize regional identity for Rural Planning. Rural Landscapes: Society, Environment, History.
- Pfaff-Czarnecka, Joanna (2011): From “identity” to “belonging” in social research: plurality, social boundaries, and the politics of the self. Bielefeld: Universität Bielefeld.
- Schneider, Hanne (2024): In a village, everybody knows the stranger. Constructing local belonging of refugees in rural areas in Germany. Sociologia Ruralis, 65.


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