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Unterrichtsimpuls GEO Personality: Hans Meyer – die Erstbesteigung des Kilimandscharo zwischen Gipfeltraum und Kolonialwahn

Der Kilimandscharo hatte es ihm angetan. Er wollte als Erster hinauf! Und zugleich den Berg als „Eroberung“ dem deutschen Kolonialreich einverleiben. Die Erstbesteigung des Kilimandscharo durch Hans Meyer 1889 ist Teil deutscher Kolonialgeschichte. Das Beispiel des Verlegers Meyer offenbart sportlichen Ehrgeiz gepaart mit Kolonialwahn.

Erstbesteigung des Kilimandscharo: Alpinistische Sehnsucht und koloniales Prestige

Der „Berg des bösen Geistes“, wie die swahilische Bezeichnung „kilima njaro“ lautet, zog Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche Alpinisten, Akademiker und Abenteurer an. Vor allem aus England und Deutschland. Denn seit 1880 schacherten beide Länder um Besitzungen in Ostafrika. Der Kilimandscharo im Nordosten des heutigen Tansania lockte dabei als Prestigeobjekt und alpinistische „Eroberung“. Zudem warf er spannende geographische Fragen auf: Wie war er entstanden? Und gab es dort oben Eis und Schnee, nur 350 Kilometer vom Äquator entfernt?

Wie findet ihr solche historischen Themen im Block? Schreibt uns euer Feedback in den Kommentaren, damit wir noch genauer auf eure Wünsche eingehen können!

Die Erkundung und Erstbesteigung des Kilimandscharo durch Hans Meyer: Deutsche Kolonialgeschichte. Gipfelregion des Kilimandscharo-Bergmassivs mit Geröll- und Schuttwüste, im Hintergrund die schneebedeckte höchste Kuppe des Bergmassivs

Meyers Drängen nach oben

Der vermögende Leipziger Verleger Hans Meyer (1858 – 1929) – Alpinist aus Leiden-schaft und vehementer Unterstützer des deutschen Kolonialreiches – hatte 1887 und 1888 bereits zwei Besteigungsversuche un-ternommen. Diese waren fehlgeschlagen. Doch der Mitinhaber des Leipziger Biblio-graphischen Instituts startete nun den dritten Anlauf. Geld genug hatte er für diese teure Unternehmung, denn der familieneigene Verlag „Bibliographisches Institut“ (seit 1874 in Leipzig) fuhr u. a. mit „Meyers Konver-sations-Lexikon“ sowie Standardwerken zur deutschen Sprache reiche Gewinne ein. Meyer konnte seinen hobbygeographischen Neigungen also frei nachgehen.

So auch am 6. Oktober 1889 in Ostafrika. Dieser Tag begann früh für den Leipziger und seinen Begleiter, den österreichischen Bergsteiger Ludwig Purtscheller. Insbesondere Meyer lechzte förmlich nach dem Gipfel – und das nicht nur aus sportlichem Ehrgeiz. Ihm war sehr wohl bewusst, welche Wirkkraft eine geglückte Erstbesteigung des Kilimandscharo als Teil deutscher Kolonialgeschichte haben könnte. So trieb er sich selbst und seinen Begleiter förmlich nach oben. Um drei Uhr morgens, bei ‑12 °C, schälten sich Meyer und Purtscheller nach einer Nacht in 4.700 Meter Höhe aus ihren warmen Schafswoll-Schlafsäcken und dem kleinen, windumtosten Zelt. Dann brachen sie fast unverzüglich zum Gipfel auf.

Wollt ihr mehr über deutsche Naturforscherinnen und Naturforscher erfahren? Eduard Friedrich Poeppig reiste über 10.000 km auf dem amerikanischen Kontinent und ist gleichbedeutend mit Alexander von Humboldt. Unser Artikel Unterrichtsimpuls: Auf Expedition mit Eduard Friedrich Poeppig – der sächsische Humboldt gibt euch mehr Informationen zu Expeditionen und der geographischen Erforschung der Welt!

Ein Berg „für den Kaiser“

Die nächsten acht Stunden kletterten die Männer über Geröll, Schnee und Eis bergan. „Ein Fehltritt“, hielt Meyer in seinen Notizen fest, „hätte uns unfehlbar 1.000 Fuß in die Tiefe gestürzt“. Aber dieser Anlauf glückte und Meyer erklomm gegen 11.30 Uhr als Erster den höchsten Felssporn. „Im vollen Sonnenlicht blitzen die Eisfelder“, staunte er, und „in den Klüften knistert und knattert es geheimnisvoll“. In eurozentristischer Ent-deckermanier und mit unverhohlenen kolo-nialen Absichten „taufte“ er den Gipfel „Kaiser-Wilhelm-Spitze“. Seit der Unabhän-gigkeit Tansanias im Jahr 1961 heißt der

Gletschereis in der Gipfelregion des Kilimandscharo in Ostafrika. im Hintergrund Blick auf die wolkenverhangene Ebene

höchste Gipfel „Uhuru Peak“. „Uhuru“ bedeutet auf Swahili – der Amtssprache in Tansania – „Freiheit“ oder „Unabhängigkeit“. 1889 war Meyer der Überzeugung, dass das Deutsche Kaiserreich Kolonien in Übersee, vor allem Afrika, benötige, um als Weltmacht (insbesondere neben Frankreich und England) auftreten zu können. Nach dieser „Taufe“ zeichnete und vermaß Meyer die Gipfelregion. Seine Beobachtungen erhellten, dass der Kilimandscharo ein 2.400 Quadratkilometer großes Gebirgsmassiv war, bestehend aus den erloschenen Vulkanen Meru und Mawenzi sowie dem ruhenden Kibo. Letzterer ist mit 5.892 Metern der höchste und einzige noch vergletscherte Gipfel.

Koloniale Vereinnahmung der Erstbesteigung des Kilimandscharo durch Hans Meyer

Wieder zurück in Leipzig wurde Meyer frenetisch als Erstbesteiger des Kilimandscharo gefeiert. Zugleich hatte er eine neue politische Dynamik in die kolonialen Besitzansprüche Deutschlands und Englands in Ostafrika gebracht. Denn nun wurde der Berg dem damaligen „Schutzgebiet Deutsch-Ostafrika“ zugeschlagen. Das später als „Kolonie Deutsch-Ostafrika“ bezeichnete Areal, in welchem die Regierung des Deutschen Reiches die politische Gebietshoheit und Verwaltung beanspruchte, war die größte deutsche „Besitzung“ in Übersee. Sie bestand bis 1918, umfasste das heutige Tansania, Ruanda und Burundi sowie Teile Mosambiks und hatte eine Fläche von knapp 1 Million Quadratkilometern.

Karriere …

Meyer war nicht nur alpinistisch, sondern auch akademisch ehrgeizig. Der studierte Nationalökonom unternahm nach 1889 weitere Expe-ditionen in europäische und außereuropäische Hochgebirgsregionen (Ostafrika, Südamerika, Kanarische Inseln), um vulkanologisch-glaziologische Studien zu betreiben und sich hier als Experte zu etablieren. Meyer besaß zwar keine geowissenschaftliche Ausbildung, doch die Grenzen zwischen Laienforschung und akademischer Erkun-dung waren noch recht durchlässig. Tatsächlich gelang ihm der akademische Aufstieg: Denn 1915 wurde Meyer auf die neu einge-richtete Professur für Kolonialgeographie und -politik an der Universität Leipzig berufen, die er bis 1928 innehatte.

… und Klüfte

Es ist belegt, dass Meyer nicht nur in Publikationen und Vorträgen sowie im Rahmen seiner Lehrtätigkeit an der Universität Leipzig ein eurozentristisch-prokoloniales Weltbild vertrat. Er trat auch in Afrika selbst während seiner Reisen als Vertreter des „Herrenmenschen-tums“ des 19. Jahrhunderts auf. Stets betonte er die vermeintliche Notwendigkeit „deutscher“ Gebiete in Übersee, vor allem in wirt-schaftlicher Hinsicht, sowie die angebliche Überlegenheit der Europä-er. Als das Kaiserreich nach dem Ersten Weltkrieg seine Kolonien ver-lor, kritisierte Meyer diese Entwicklung. Unbestreitbar hat er Ver-dienste in der geographischen Erforschung erworben, in dem er im europäischen Wissenskreis noch unbekannte Regionen erkundete.

Die Erkundung und Erstbesteigung des Kilimandscharo durch Hans Meyer: Deutsche Kolonialgeschichte. Zeichnung einer Expedition in Afrika im 19. Jahhrundert. Ein weißer, Pfeife rauchender Mann in europäischer Kleidung lässt sich von zwei Einheimischen in einer Hängematte einen Weg entlang tragen, während weitere Einheimische die Lasten der Expedition tragen. Im Hintergrund sind Hütten und Angehörige der indigenen Bevölkerung zu sehen.

Doch beides – Prokolonialismus und Forscherleistung – ist bei einer Beschäftigung mit Meyer, aber auch der Historie der Ent-deckungsreisen im Afrika des 19. Jahrhunderts stets mitzu-denken. Vielfältige Klüfte und Brüche prägen die europäische Erforschung der nichteuropäi-schen Welt seit der Frühen Neuzeit. Ein reflektiert-kritischer Umgang mit dem Thema im Unterricht ist daher unerläss-lich. Wichtige Impulse liefert die Geschichtsforschung. Und auch die geographische Wissen-schaftsgeschichte hat sich einer kritischen Aufarbeitung der Erstbesteigung des Kilimand-scharo als Teil Deutscher Kolo-nialgeschichte angenommen.

Unterrichtsimpuls Erstbesteigung des Kilimandscharo: Kolonialgeschichte und wissenschaftliche Erkundung

Nach der Erstbesteigung des Kilimandscharo 1889 als Teil deutscher Kolonialgeschichte fand sukzessive dessen geowissenschaftliche Erkundung statt. Ein markanter Punkt in diesem Zusammenhang war die Erforschung der ausgedehnten Gipfelgletscher, von denen Meyer berichtete. Er und andere erkundeten nach 1889 die Hochgebirgsregion des Kilimandscharomassiv intensiv. Vergleiche der wissenschaftlichen Aufnahmen von damals mit aktuellen Erhebungen zeigen, dass die 12.000 Jahre alten Gletscher in der Gipfelregion seit 1889 um etwa 85 Prozent abgeschmolzen sind. Nur eine kleine Eiskuppe ist übriggeblieben. Geowissenschaftlerinnen und Geowissenschaftler berechneten, dass diese aufgrund des fortschreitenden Klimawandels zwischen 2040 und 2060 endgültig verschwunden sein wird.

Über unseren TERRA-Online Lehrerservice findet ihr folgendes Infoblatt zum Kilimandscharo, das u. a. Entstehung, Klima, Höhenstufen und Gletscher behandelt:

Einbettung im Unterricht

Unterrichtsimpuls Erstbesteigung des Kilimandscharo durch Hans Meyer: Teil deutscher Kolonialgeschichte

Der „Meilenstein“ bietet sich für eine Unterrichtseinheit im Geographie- oder Geschichtsunterricht an. Als Unterrichtsimpuls in Erdkunde können die Inhalte des Beitrages eine Erweiterung der Themen Südamerika, Hochgebirge, Klima-, Landschafts- und Vegetationszonen, die Welt erforschen sowie Expeditionen sein. Bezogen auf den Geschichtsunterricht ist eine Einbettung in Inhalte zur Expeditions- und Kolonialgeschichte sehr gut möglich. Je nach Klassenstufe sowie Alter empfehlen sich ausgewählte Inhalte des Impulses.

  • Schritt 1:
    Die Lehrkraft stellt das Konzept der „Meilensteine“ vor. Anschließend werden gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern die Rahmenbedingungen der Umsetzung geklärt. Anhand der Inhalte des Impulses, der Bilder im Beitrag sowie einer weiterführenden Internetrecherche können beispielsweise die folgenden Leitfragen bearbeitet werden:

    • Was versteht man unter dem Zeitalter des Kolonialismus?
    • Wie waren die historischen Anfänge des europäischen Kolonialismus bis hin zu seiner Hochphase im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts?
    • Warum hatten europäische Staaten im 19. Jahrhundert Kolonien in Afrika?
    • Wie erfolgte die Inbesitznahme der Regionen durch die sogenannten Kolonialmächte?
    • Und welche Rolle spielten (wissenschaftliche) Expeditionen dabei?
    • Welche negativen und drastischen Auswirkungen, teilweise bis heute, hatte die Inbesitznahme der Landstriche für die indigene Bevölkerung?
    • Auf welcher Route hat sich Meyer durch Ostafrika bewegt?
    • Wie war die Expeditionspraxis vieler Europäerinnen und Europäer im Afrika des 19. Jahrhunderts?
    • Gab es auch Reisende, die in Afrika anders aufgetreten sind?
    • Welches Bild der Afrikanerinnen und Afrikaner kursierte in Europa während dieser Epoche in der Regel?
    • Wie sieht die Gipfelregion des Kilimandscharo aus?
    • Und welche Erkenntnisse darüber gewann Meyer auf seiner Expedition 1889?
    • Welchen Einfluss hat der menschengemachte Klimawandel auf das Fortbestehen bzw. den Rückgang von Gletschern weltweit?
  • Schritt 2:
    Die Lernenden bearbeiten eine oder mehrere Leitfragen. Gemeinsam wird der Zeitrahmen festgelegt, in welchem die Bearbeitung erfolgen soll. Möglich ist eine Stundenarbeit oder eine Bearbeitung als Hausaufgabe. Bei Partner- oder Gruppenarbeit erfolgt die Einteilung in Lerngruppen.
  • Schritt 3:
    Die Lernenden geben ihre Ergebnisse schriftlich ab oder präsentieren sie mittels eines Vortrages, einer Mindmap, eines Podcasts oder eines Erklärvideos. Bei diesem interdisziplinären Thema bietet sich sehr gut eine gemeinsame Diskussion im Anschluss an die Präsentation an.

Hans Meyer und die Erstbesteigung des Kilimandscharo – Quellen und Links:

Zur Entstehungsgeschichte des Kilimandscharo:

https://www.scinexx.de/dossierartikel/kind-des-feuers/

Zur Kolonie „Deutsch-Ostafrika“:

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/aussenpolitik/die-kolonie-deutsch-ostafrika.html

Zu Person, Werk und Nachlass von Hans Meyer:

https://leibniz-ifl.de/fileadmin/Redaktion/Bibliothek_Archiv/Archiv_Findb%C3%BCcher_PDF/Meyer_Hans_final.pdf

https://www.spektrum.de/lexikon/geographie/meyer-hans/5077#:~:text=1910%20stiftete%20er%20der%20Universit%C3%A4t,die%20er%20bis%201928%20bekleidete

https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag8436.html

https://saebi.isgv.de/biografie/Hans_Meyer_(1858-1929)

Zur europäischen Erstbesteigung des Kilimandscharo und zur europäischen Expeditionspraxis in Afrika im 19. Jahrhundert:

https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/content/blog/forschungsreisen-und-reiseberichte-zeugnisse-des-deutschen-kolonialismus-afrika-1860-1920/

https://www.ndr.de/nachrichten/info/Synapsen-Die-andere-Entdeckung-Afrikas,podcastsynapsen188.html

https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Hans-Meyer-Forscher-mit-politischem-Einfluss,audio208494.html

https://www.spiegel.de/fotostrecke/hans-meyer-als-erster-auf-den-kilimandscharo-fotostrecke-170961.html

https://www.nzz.ch/feuilleton/reise-am-rand-der-katastrophe-wie-die-quellen-des-nils-entdeckt-wurden-ld.1770090

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Über die Autorin

Henriette Joseph

Redakteurin Abteilung Gesellschaftswissenschaften beim Ernst Klett Verlag in Leipzig

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