»Wo ist Geschichte in unserem Leben und in unserem Alltag relevant?«

Beitrag_mBN_Gegenwartsbezuege2
PD Dr. Wiebke Hiemesch

Beitrag_mBN_Gegenwartsbezuege1
Marian Spode-Lebenheim
Warum sollte das Thema Zivilcourage mit einem historischen Bezug verknüpft werden?
PD Dr. Wiebke Hiemesch und Marian Spode-Lebenheim: Zivilcourage ist ein wichtiger Bestandteil einer demokratischen Handlungskompetenz. In unserer Ausstellung zeigen wir Geschichten von Menschen, die unter größter persönlicher Gefahr gegen das NS-Regime gehandelt haben. So zum Beispiel Karl Nasemann, der als ziviler Arbeiter Zwangsarbeiter:innen und KZ-Häftlingen geholfen hat. Die Frage, welche Handlungsmöglichkeiten Menschen in der NS-Diktatur in Hannover hatten und wie wir das mit aller Einzigartigkeit und Unterschiedlichkeit ins Verhältnis zur heutigen Gegenwart setzen können, ist für unsere pädagogische Arbeit leitend. Unter den heutigen Voraussetzungen in einer Demokratie sollte es viel einfacher sein, Zivilcourage zu zeigen. Aber aktuell sehen wir auch einmal mehr, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist, sondern täglich gelebt und verteidigt werden muss. Daher interessiert es uns, was heutige Barrieren und Mechanismen sind, die Zivilcourage erschweren oder verhindern und wie wir als Gesellschaft und als Einzelne zivilcouragiert handeln können.
Welche Potenziale bieten Gegenwartsbezüge in der Vermittlung von historischem Wissen?
Die Auseinandersetzung mit Vergangenen ist stets geleitet von aktuellen Fragen unserer Gegenwart. Deutlich zu machen, dass uns der Blick in die Vergangenheit dabei hilft unsere Gegenwart besser zu verstehen und Zukunft bewusster zu gestalten, lässt sich als Kernziel unserer Arbeit formulieren. Uns beschäftigen in der pädagogischen Arbeit die Fragen: Was haben diese Geschichten mit uns heute zu tun? Wo ist Geschichte in unserem Leben und in unserem Alltag relevant? Wie ist unsere heutige Gegenwart durch die Geschichte geprägt? In geschichtsdidaktischen Kategorien sind das vor allem Orientierungskompetenz und Deutungskompetenz, also die Fähigkeit, unsere Gegenwart in ihrer Entstehung und Bedeutung auf vergangene Ereignisse, Tendenzen und handelnde Menschen zurückführen zu können und dahingehend zu verstehen. Dazu gehören dann neben Selbst- und Weltverstehen (Identität) sowie Fremdverstehen (Alterität) auch die Fähigkeit, die eigene historische Identität kritisch zu reflektieren. All diese Prozesse fordern von uns, dass wir Widersprüche und Komplexitäten aushalten und mit ihnen umgehen lernen. Denn nicht zuletzt wäre die Handlungskompetenz zu nennen, also die Fähigkeit vor dem Hintergrund von Geschichte und eigenen Erfahrungen Entscheidungen zu treffen und Handlungen zu begründen, um Gegenwart und Zukunft bewusst gestalten zu können.
Wie definieren Sie einen gelingenden Gegenwartsbezug im historischen Lernen?
Unser Konzept ist biographisch und lokalhistorisch orientiert. Für die meisten Gruppen, die zu uns kommen, ist Hannover der Lebensmittelpunkt, sie kennen sich gut in ihrem Stadtteil oder der ganzen Stadt aus. Und dann erfahren sie beispielsweise bei uns, dass nahe der Schleuse in Limmer, einer beliebten Badestelle im Sommer, von Ende Juni 1944 bis Anfang April 1945 ein Zwangsarbeiterinnenlager stand. Es wurde von den Continental Gummiwerken errichtet und die französische Résistance Kämpferin Annett Chalut wurde dort gefangen gehalten. Besuchsgruppen können ihre Biographie bei uns Stück für Stück selbstständig erkunden (Forschendes Lernen) und sollen dabei ihre eigenen Fragen an das Leben der Person im Zeitgeschehen formulieren, die wir dann gemeinsam diskutieren. Ein gelingender Gegenwartbezug ist in unserer Arbeit, dass die Besuchsgruppen verstehen, dass diese Geschichte etwas mit ihrem Leben heute zu tun hat, dass unsere Gegenwart historisch gewachsen ist, dass sie gestaltet werden kann und dass das Privileg einer Demokratie – mit all ihren Widersprüchen und Problemen – nicht selbstverständlich ist und verteidigt werden muss.
Welche Stolperfallen bieten Gegenwartsbezüge im Unterricht?
Wir sehen im medialen Diskurs immer wieder vereinfachende Parallelisierungen, die aktuelle Entwicklungen als ein „Weimar 2.0“ beschreiben oder politische Strategien der AfD mit jenen der NSDAP gleichsetzen. Die United States Immigration and Customs Enforcement (ICE), die derzeit Züge einer politischen Polizei annimmt, wird mit der Gestapo verglichen. Es kann durchaus zielführend sein, nach Gemeinsamkeiten zu suchen und die Dynamiken der politischen Instrumentalisierung und Radikalisierung zu prüfen. Gleichzeitig ist es unbedingt geboten, auch die Unterschiede herauszuarbeiten. Sonst drohen Vereinfachungen und Relativierungen, welche die derzeitige Situation übergehen und die Deutung gegenwärtiger Verhältnisse sogar behindern können. Geschichte wiederholt sich nicht eins-zu-eins und es gibt keine Zwangsläufigkeiten von Entwicklungen.
Was sind wirksame Methoden, um Gegenwartsbezüge im Unterricht herzustellen?
Hier können wir nur ausgehend von unserer Arbeit im ZeitZentrum und als kommunale Stelle der Erinnerungskultur sprechen: Gehen Sie mit Ihren Schüler:innen in die Nachbarschaft und thematisieren Geschichte und Formen des Erinnerns vor Ort. Zeigen Sie Ihnen, dass Erinnerungskulturen keine starre Pathosformeln sind, sondern gestaltet werden müssen und geben Sie Ihren Schüler:innen Anregungen, wie sie selbst aktiv werden können. Wie kommen sie an Informationen? Was ist an den Orten passiert, an denen wir heute leben? Welche Geschichten erzählen die Straßen und Gebäude, denen wir begegnen? Gibt es Menschen in ihrer Stadt, an die nicht erinnert wird? Warum ist das so und wie können wir das ändern? Gibt es fragwürdige Denkmäler, die Verbrecher ehren und wem wollen wir gedenken? Dazu können Sie gut mit zivilgesellschaftlichen Initiativen des Gedenkens und Orten der historisch-politischen Bildung kooperieren, die freuen sich.
Im Sinne des Plurals von Erinnerungskulturen sollten die vielfältigen Erfahrungen der Schüler:innen im Mittelpunkt stehen. Denn nach wie vor haben wir es mit Verengungen von Erinnerungskultur zu tun. Da hilft ein Blick über den Tellerrand, zum Beispiel im europäischen Vergleich oder in anderen Themenbereichen wie der SED-Diktatur oder der Kolonialgeschichte. Auch das Nachwirken ideologischer Kontinuitäten ist dabei ein wichtiger Punkt, der die Erfolgsgeschichte einer Demokratisierung und der gelungenen Erinnerung in Deutschland ins Wanken bringen kann. Denn Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit speisen sich entscheidend aus dem Nationalsozialismus und zeigen sich heute vielfältig in Antisemitismus, Antiziganismus, Homo- und Transfeindlichkeit sowie Sexismus und Ableismus.
Welche Ansätze haben sich bewährt, um konstruktive Diskussionen über Diskriminierung, Ausgrenzung oder Engagement anzuregen?
In letzter Zeit haben wir in dem Vertiefungsbereich eines Workshops zum aktuellen Rechtsextremismus Zahlen und Fakten integriert, beispielsweise zu sexistischer und antifeministischer Diskriminierung und Gewalt. Diese Fakten zu Femiziden, zum Gender Pay Gap und zum Abtreibungsrecht sind teils bekannt, teils auch nicht und bewirken eine rege Diskussion, auch um Rollenbilder und über gesellschaftliche Entwicklungen. Dabei möchten wir vor allem sensibilisieren, inwiefern Ideologieelemente des Rechtsextremismus wie Antisemitismus und andere in allen gesellschaftlichen Milieus vorhanden sind und nicht nur in einer Randgruppe erscheinen. Zur Aufklärung und zur Sensibilisierung helfen dabei vor allem konkrete Zahlen und Fakten zum Beispiel zu antisemitischer, rassistischer, homo- und transfeindlicher sowie antifeministischer Diskriminierung sowie der Hinweis auf Melde- und Beratungsstellen. Entscheidend ist es zudem, die Betroffenengruppen selbst zu Wort kommen zu lassen und ihre Perspektiven in den Mittelpunkt zu setzen, statt die Narrative von Gewalt und Diskriminierung aus der Täter:innenperspektive zu reproduzieren.
- Für Schülergruppen vor Ort bietet das ZeitZentrum Zivilcourage verschiedene spannende Workshops an. Außerdem lohnt sich auch immer ein Blick in die aktuelle Veranstaltungsliste.


Hinterlasse einen Kommentar