In der Schule ist die Beschäftigung mit der Gletschermumie „Ötzi“ ein beliebtes Thema – bei den Lernenden wie bei den Lehrenden. Die Geschichte der Entdeckung „Ötzis“ aus dem Jahr 1991 in den Ötztaler Alpen bietet viel Stoff für eine interessante Unterrichtsstunde: Wanderer entdecken eine Leiche, die sich als über 5000 Jahre alte Mumie herausstellt; dazu kommen Todesumstände, die auf einen Mord hindeuten.
„Ötzis“ Mumie kann im Museum in Bozen (Südtirol) bestaunt werden. Wie aber sah „Ötzi“ zu Lebzeiten aus? Mit großem Aufwand wurden Modelle angefertigt, zuletzt eine Rekonstruktion im Jahr 2014, die ebenfalls im Bozener Museum zu sehen ist. Das Modell entsprach dem damaligen Stand der Forschung, aber nicht jedes Detail war wissenschaftlich abgesichert. Nun zeigen neue Forschungen: „Ötzi“ sah anders aus, als es die Rekonstruktion zeigt. Zeitungen und Hauptnachrichten berichteten im August 2023 prominent über die Neuerungen.
Einbettung in den Unterricht
- Was bedeutet der neue Forschungsstand für den Unterricht?
- Muss ich etwas ändern?
- Wo kann ich die Neuerungen in meinem Unterricht „andocken“?
„Ötzi“ als thematischer Aufhänger
In der Regel wird das Thema „Ötzi“ in der 5. oder 6. Klasse im Kontext der „Frühzeit des Menschen“ unterrichtet, so sehen es die Lehrpläne vor bzw. so ist die gängige Unterrichtspraxis (denn in einigen Bundesländern ist die Behandlung des Themas „Frühzeit“ nicht mehr obligatorisch). Das Material in den Schulbüchern kann weiterhin benutzt werden. Zwei wesentliche Punkte entsprechen allerdings ab sofort nicht mehr dem aktuellen Forschungsstand: Ötzi hatte vermutlich weniger Haare, als in dem Modell des Bozener Museums (abgedruckt in vielen Schulbüchern) und seine Hautfarbe war dunkler. Sie entsprach vermutlich in etwa dem Farbton der heutigen Mumie (bisher dachte man, die Mumie sei nachgedunkelt). Im Prinzip genügt ein kurzer Hinweis auf diese zwei wesentlichen Veränderungen, ansonsten können die Materialien weiter genutzt werden.
„Ötzi“-Rekonstruktion als Beispiel für Geschichtsdarstellung
Die Neuerungen könnt ihr aber auch ausführlicher aufgreifen, etwa um näher auf den Begriff der „Rekonstruktion“ einzugehen – dies kann im fachlichen Zusammenhang der „Frühzeit“ geschehen, aber auch als Gegenwartsbezug in einem anderen fachlichen Kontext, in dem Rekonstruktionen behandelt werden.
Als Einstieg bietet sich ein Vergleich der alten und neuen Rekonstruktionen an (alle Abbildungen finden sich unter den Linktipps). Die SuS können die Unterschiede (Hautfarbe, Haare/Glatze) auch selbst herausfinden. Am Beispiel der „Ötzi“-Rekonstruktion könnt ihr der Klasse gut verdeutlichen, warum Rekonstruktionen in den Klett-Geschichtslehrwerken mit der Materialkennzeichnung „D“ (=Darstellung) markiert sind. Es handelt sich um keine Quellen, sondern um Darstellungen von der Geschichte aus der heutigen Zeit. Rekonstruktionen stützen sich auf das Wissen von Archäologinnen und Historikern – und dieses Wissen kann sich ändern. Immer wieder ermöglichen neue Forschungsmethoden neue Erkenntnisse. Geschichtliches Wissen ist also nichts Festes, sondern ändert sich laufend – eine wichtige Erkenntnis für die Lernenden, die sie am Beispiel von Rekonstruktionen des „Ötzi“ gewinnen können.
Perspektivität in der Geschichtsschreibung
Die Geschichte von den Rekonstruktionen des „Ötzi“ verweist aber auch auf eine interessante gesellschaftliche Debatte. Durch „welche Brille“ blicken Geschichtsforscherinnen und -forscher, wenn sie Geschichte darstellen? Die Schöpfer der „Ötzi“-Rekonstruktion haben den damaligen Forschungsstand berücksichtigt, aber auch Lücken künstlerisch gefüllt – gerade deshalb wurde die Rekonstruktion als besonders lebensecht gelobt (Linktipp: stern.de – Paläo-Künstler, die Ötzi zum Leben erwecken).
Forscher sprechen nun von einer „Voreingenommenheit“ der Künstler, weil sie sich als Europäer ihre Vorfahren weiß vorgestellt hätten (Guido Kleinhubert: „Ötzi kam aus Anatolien“, in: Spiegel Wissenschaft, Ausgabe 34/2023, veröffentlicht am 17.08.2023). Dabei ist das „Ötzi“-Modell kein Einzelfall: Die Sensibilisierung durch Debatten über die Repräsentation von Schwarzen in der Gesellschaft und neue Forschungsergebnisse haben dazu geführt, dass Modelle von Steinzeitmenschen überarbeitet wurden. So kündigte z. B. das Neanderthal-Museum in Mettmann 2021 an, den Hautton des nachgebildeten Neanderthalers dunkler zu gestalten. Auch der Klett-Verlag hat 2021 begonnen, in seinen Erklärfilmen und Illustrationen Steinzeitmenschen dunkler darzustellen als früher. Das Beispiel zeigt: Geschichtsschreibung kann perspektivisch sein und kann sich verändern, wenn sich der Blick der Gesellschaft verändert. Museen und Bildungsmedien sind Teil der Gesellschaft und entwickeln sich weiter. Auch das ist ein wichtiger Erkenntnisgewinn – vielleicht allerdings eher für ältere Schülerinnen und Schüler.

Szene aus einem Klett-Erklärvideo zum Leben in der Steinzeit
Grafik: creanovo – motion & media design GmbH (Axel Kempf), Hannover
Thema Migration im Geschichtsunterricht
Die neuen Forschungsergebnisse zu „Ötzi“ bieten noch einen anderen Anknüpfungspunkt im gesellschaftswissenschaftlichen Unterricht – den Aspekt der Migration. Die Gegenwart ist bestimmt von Debatten über Migration. Ein Blick in die Geschichte kann zeigen, dass Migration in allen Epochen dazugehörte – auch im Fall von „Ötzi“. Die Untersuchung von Ötzis Knochen zeigt: Seine Vorfahren waren jungsteinzeitliche Bauern, die aus Vorderasien, dem Gebiet der heutigen Türkei, nach Europa einwanderten. „Ötzis“ direkte Vorfahren hatten wenig Kontakt zu anderen Kulturen. Aber andere Bauern hatten mehr Austausch und verbreiteten die Sesshaftigkeit in Europa – die Lebensform, in der wir heute alle leben.


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