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Geschichtsvermittlung digital (Teil 1): Nationalsozialismus und Holocaust auf Tiktok

Geschichtscontent ist im digitalen Raum präsent: Junge Userinnen und User stoßen auf Instagram, Tiktok und Co. auf unterschiedlichste Angebote. Wie können Geschichtslehrkräfte zielführend damit umgehen? Im ersten Teil unserer neuen Reihe „Geschichtsvermittlung digital“ beleuchten wir das Thema Nationalsozialismus und Holocaust auf Tiktok. Welche Angebote problematisch sind und was euren Unterricht bereichern kann, erfahrt ihr hier.

Die neue Serie „Geschichtsvermittlung digital“ – Was euch erwartet

Diese Blog-Serie richtet sich vorrangig an Lehrkräfte des Fachs Geschichte, bietet jedoch ebenso wertvolle Impulse für Kolleginnen und Kollegen aus anderen gesellschaftswissenschaftlichen Fächern. Im Zentrum stehen die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus, Holocaust und gegenwärtigen Formen der Erinnerungskultur. Ziel der Serie ist es, wissenschaftlich fundierte Anregungen für die konkrete Unterrichtsgestaltung zu liefern, praxisnahe Projektideen vorzustellen und zugleich Räume zur professionellen Selbstreflexion zu eröffnen. Besonderes Augenmerk liegt auf der Frage, wie digitale Geschichtsvermittlung sinnvoll gestaltet werden kann und welche Potenziale sich aus der Verknüpfung digitaler und nicht-digitaler Lernangebote ergeben. Die Beiträge sollen Lehrkräfte dabei unterstützen, historische Bildung im digitalen Zeitalter kritisch, verantwortungsvoll und lernwirksam weiterzuentwickeln.

Erinnern im digitalen Zeitalter

Massenmedien prägen die Geschichtsvorstellungen eurer Schülerinnen und Schüler maßgeblich. Filme, Serien, Fernsehdokumentationen und vor allem soziale Netzwerke vermitteln historische Deutungen und laden zur aktiven Auseinandersetzung mit Vergangenheit ein. Im Juni 2026 hat die KMK die Empfehlungen zur Erinnerungskultur als Gegenstand historisch-politischer Bildung in der Schule unter dem Titel „Erinnern für die Zukunft“ aktualisiert. Darin wurden die Herausforderungen der Medialisierung von Erinnerung im digitalen Zeitalter hervorgehoben. Umso wichtiger ist es, Schülerinnen und Schüler für den reflektierten Umgang mit digitalen Geschichtserzählungen zu sensibilisieren, und diese selbst zum Gegenstand des Unterrichts zu machen.

Ungeeignet: Geschichtsvermittlung auf TikTok als True-Crime-Show

Leider existieren auf TikTok zahlreiche Kanäle, die – sei es aus Unwissenheit, Naivität, monetären Interessen sowie dem Wunsch nach Selbstinszenierung oder mitunter auch aufgrund antisemitischer und geschichtsrevisionistischer Motive – Inhalte anbieten, die historisch-politische Bildung und eine respektvolle Gedenkarbeit verhindern. Problematische TikTok-Kanäle zeichnen sich aus durch:

  • Selbstzentrierte Darstellung, bei der Creator:innen sich selbst in Szene setzen, der historische Ort aber als Kulisse verkommt und zur Bühne der Selbstvermarktung degradiert wird.
  • Voyeuristische Inszenierungen, bei denen der private Besuch von KZ-Gedenkstätten als eine Art True-Crime-Show mit vermeintlich geheimen Türen, verborgenen Gängen oder dem Suggerieren von Zugang zu exklusivem Wissen dargestellt wird: Thrill-Faktor statt Empathie.
  • Clickbait-Mechanismen mit Schlagzeilen wie „Tal des Todes“, „Horror-KZ“, „Hitlers Bunker“, die auf Emotionalisierung setzen und Einordnungen schuldig bleiben.
  • Hitlerzentrismus: Komplexe Entwicklungen werden lediglich auf die Person Hitlers zurückgeführt. Institutionelle Dynamiken, ideologische Netzwerke, Verantwortung anderer Akteurinnen und Akteure und gesellschaftliche Mitwirkung werden ausgeblendet.

Gelungene Ansätze von Geschichtsvermittlung auf Tiktok

Darüber hinaus gibt es auch ermutigende Gegenbeispiele: Content-Creator:innen, die plattformspezifische Dynamiken verstehen, Sehgewohnheiten junger Nutzerinnen und Nutzer kennen und reflektierte, ästhetisch überzeugende Inhalte anbieten.

  • Ihre Inhalte sind sorgfältig recherchiert und eröffnen Lehrkräften eine große thematische Bandbreite für den Unterricht. Gerade diese Vielfalt macht sie zu ergiebigen Bildungsangeboten, die weit über eine bloße Wissensvermittlung hinausgehen.
  • Die Beiträge greifen unterschiedliche Opfergruppen des Nationalsozialismus auf und stellen exemplarische Biografien in den Mittelpunkt. Dadurch werden historische Entwicklungen nicht nur auf einer abstrakten Ebene vermittelt, sondern anhand konkreter Lebensgeschichten nachvollziehbar gemacht. Zugleich stellen die Kanäle Bezüge zu aktuellen gesellschaftlichen Ereignissen her und verdeutlichen, dass Erinnerungskultur stets auch einen Gegenwartsbezug besitzt.
  • Schließlich beschränken sich die Beiträge nicht auf die Darstellung von Verfolgung und Gewalt. Sie thematisieren ebenso nonkonformes Verhalten, Formen des Widerstands und individuelle Handlungsspielräume.
  • Ein zentrales Qualitätsmerkmal besteht darüber hinaus in der konsequenten Arbeit mit historischen Quellen. Aussagen und Darstellungen werden transparent belegt und zugleich wird vermittelt, weshalb Quellenkritik eine unverzichtbare Grundlage historischer Erkenntnis und Geschichtsschreibung ist. Ebenso sensibel gehen die Creator:innen mit der Sprache des Nationalsozialismus um: Sie kennzeichnen nationalsozialistische Begriffe und Sprachmuster ausdrücklich, ordnen diese historisch ein und unterziehen sie einer kritischen Reflexion.

Empfehlenswerte TikTok-Kanäle

Gerade weil Jugendliche politische Inhalte oft zufällig und beiläufig konsumieren, ist es für die pädagogische Arbeit zentral, dass Lehrkräfte gezielt auf solche Formate hinweisen, und diese aktiv in ihren Unterricht einbinden.

Foto der Journalistin Susanne Siegert

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Creatorin Susanne Siegert mit ihrem Kanal „keine.erinnerungskultur“

Unterrichtsideen

  • Lass deine Schülerinnen und Schüler auf Entdeckung gehen: Gib ihnen Zeit, verschiedene TikTok-Kanäle und Creator:innen kennenzulernen. Welche Themen sprechen sie besonders an? Warum?
  • Überprüfe Fakten: Lass historische Aussagen aus TikTok-Videos mithilfe von Quellen oder Fachliteratur überprüfen.
  • Vergleiche Perspektiven: Stelle TikTok-Beiträge Schulbuchtexten oder zeitgenössischen Quellen gegenüber.
  • Analysiere Darstellungen: Untersuche gemeinsam mit deiner Lerngruppe, wie Musik, Schnitt und Sprache historische Deutungen beeinflussen.
  • Entwickle Qualitätskriterien: Lass deine Schülerinnen und Schüler Kriterien erarbeiten, was eine interessante, glaubwürdige und angemessene Geschichtsvermittlung auf TikTok ausmacht.
  • Erstelle eigene Geschichtsclips: Lasse in Gruppen kurze, quellenbasierte Erklärvideos produzieren.

Die Teile der Serie „Geschichtsvermittlung digital“ im Überblick:

  1. Nationalsozialismus und Holocaust auf Tiktok
  2. Praxistipps zum Thema NS
  3. Leugnen, Verharmlosen, Relativieren – Geschichtsrevisionismus im Netz
  4. KI-Inhalte und NS-Geschichtsvermittlung: Chancen, Risiken und Herausforderungen
  5. Game-Based Learning und Serious Games in NS-Geschichtsvermittlung
  6. Erinnerungskultur aktiv (digital) mitgestalten
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Über den Autor

Michael Otten

Michael Otten ist Grund-, Haupt- und Realschullehrer sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Universität Vechta in der Lehrer:innenbildung. Seine Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte liegen in der digitalen Geschichtsvermittlung, der Holocaust Education, der Politischen Bildung sowie in der Prävention von Rechtsextremismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

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