Der Verband der Geschichtslehrerinnen und -lehrer Deutschlands (VGD) und der Ernst Klett Verlag schreiben zum 7. Mal den Wettbewerb für neue Unterrichtsideen im Fach Geschichte aus. Ihr könnt euch bewerben, wenn ihr euch aktuell im Referendariat befindet oder maximal 5 Jahre im Schuldienst seid. Freuen könnt ihr euch auf ein Preisgeld bis zu 750 Euro. Der Einsendeschluss ist der 30. April 2025.
In unserem heutigen Beitrag erfahrt ihr mehr über die Unterrichtsidee von Nora Mussler, eine der letzten Gewinnerinnen des vorherigen Nachwuchswettbewerbes. Nora Mussler, Lehrerin für Französisch und Geschichte am Max-Planck-Gymnasium in Lahr, nahm 2023 am Wettbewerb teil und gewann mit ihrem Unterrichtsentwurf Bann G – „Taubstumme“ in der Hitler-Jugend? den 1. Preis. Wir haben Frau Mussler gefragt, was sie zur Teilnahme bewegt hat und wie sie den Wettbewerb für sich erlebte.
Gewinnerin Nora Mussler im Interview
Magst du dich kurz vorstellen?
Ich heiße Nora Mussler und unterrichte die Fächer Französisch und Geschichte am allgemeinbildenden Max-Planck-Gymnasium in Lahr. Ich habe 2021/22 mein Referendariat in Lahr am Max-Planck-Gymnasium absolviert. Und dankenswerterweise durfte ich auch an der Schule bleiben. Ich bin zusätzlich tätig als freie Autorin für verschiedene Verlage und auch Landeskundebeauftragte an der ZSL-Regionalstelle in Freiburg. Ich unterrichte auch Französisch, aber meine Leidenschaft und Liebe liegen vor allem im Geschichtsunterricht.
Für welche Geschichtsthemen interessierst du dich am meisten?
Also ich würde sagen, dass ich den Schwerpunkt im 20. Jahrhundert habe. Zumindest in den Themen, die mich besonders interessieren. Man muss auch sagen, dass das viel Raum einnimmt, im Bildungsplan Baden-Württemberg. Besonders die Zeit des Nationalsozialismus und jetzt jüngst gerade im Hinblick auf die Schwerpunktsetzung im Abitur 2026 die „Friedliche Revolution“ und die Transformationszeit.
Mit welcher Unterrichtsidee bist du beim Wettbewerb für neue Unterrichtsideen ins Rennen gegangen?
Der Titel meiner Unterrichtseinheit war gleichzeitig auch die problemorientierte Leitfrage einer Doppelstunde im Geschichtsunterricht meiner damaligen neunten Klasse am allgemeinbildenden Gymnasium. Sie lautet: Bann G – „Taubstumme“ in der Hitler-Jugend? Der Titel ist aus dem Einstieg generisch entwickelt worden, weil dort eine Fotografie gezeigt wurde, auf der gehörlose Jugendliche den Hitlergruß in einer „sogenannten Taubstummenanstalt“ machen. Und deswegen ist dieser Begriff übernommen, aber eben ganz bewusst in Anführungszeichen gesetzt, weil man heutzutage nicht mehr diesen Begriff verwenden würde, sondern eher von gehörlosen Menschen sprechen würde.
Welche historischen Themen oder Fragestellungen hast du im Wettbewerb behandelt, und warum waren diese für dich besonders relevant oder interessant?
Besonders die „Hitlerjugend“ diente dem Ziel, durch propagandistische Inklusion, Kinder und Jugendliche während des Nationalsozialismus diese zweckrational rassistischen Denkmuster zu indoktrinieren und auch in zweiter Instanz auf einen Krieg vorzubereiten. Und Menschen, die nicht der biologistischen und / oder ideologischen Vorstellung entsprachen, wurden diskriminiert, verfolgt und ermordet. Besonders zum Beispiel Jüdinnen und Juden, aber auch Sinti und Roma, aber natürlich auch zahlreiche andere Minderheiten oder Ethnien oder auch politische Gegner*innen, die nicht dieser Ideologie oder dem System entsprachen. In diesem Kontext ist es auf den ersten Blick sehr paradox, dass seit 1934 Menschen in die „Hitlerjugend“ aufgenommen wurden, die Teil dieser offensichtlichen Diskriminierung sind. Eben auch vor dem Hintergrund des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1934, das rückwirkend auf 1933 dann datiert wurde.
Ich bin auf das Thema gestoßen, weil es einen ganz großen Gegenwartsbezug hat. Also einmal, was das Thema Diskriminierung angeht. Die Art und Weise, wie man mit Menschen umgeht, zeigt, dass die Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt eben nicht selbstverständlich sind, sondern ein historisch gewachsenes Phänomen, zu dem jeder und jede in unserer heutigen Gesellschaft einen Beitrag leistet und leisten muss. Deshalb war es für mich besonders relevant, weil die betroffenen Personen eben Kinder und Jugendliche sind. Das heißt, der Bezug zu den Kindern und Jugendlichen war natürlich dadurch auch noch mehr hergestellt, und die Motivation, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, war dadurch natürlich auch nochmal größer, weil es um gleichaltrige Menschen ging, in einer anderen Zeit natürlich.
Wie war die Resonanz in der Klasse? Was haben die Kinder und Jugendlichen zum Unterrichtsentwurf gesagt?
Für die war das Thema sehr interessant. Das war ein sehr schöner Moment für mich, zu sehen, wie so eine Stunde, die man erstmal allein im Kämmerlein entwickelt, über die man sich mit anderen Kollegen und Kolleginnen austauscht und diskutiert, dann im Unterricht funktioniert und auch bei den Schülerinnen und Schülern führt.
Wie hat sich die Auszeichnung auf deine persönliche oder berufliche Entwicklung ausgewirkt?
Ich habe davon schon Zuspruch und Wertschätzung im Kollegium erfahren. Die anderen Lehrkräfte bekommen häufig gar nicht mit, was man macht. Das war dann schon schön, weil Kolleginnen und Kollegen auf mich zugekommen sind, mir gratuliert haben und in den Austausch gegangen sind. Und die Schülerinnen und Schüler haben sich natürlich auch mit mir gefreut und gesagt: „Ja, das war ja unsere Stunde!“ „Voll toll!“ Aus dieser Idee, die ich eingereicht habe, entsteht auch ein Aufsatz. Bei RAAbits Geschichte wird mein Beitrag 2025 veröffentlicht werden. Das freut mich auch, weil andere Lehrkräfte den Beitrag in ihrem Unterricht einsetzen können.
In erster Linie war das erstmal mein Mentor, der auf mich zugekommen ist und gesagt hat: „Wäre es nicht etwas für dich?“ Sonst wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen. Ich war gerade fertig mit dem Ref., da war erstmal Durchatmen angesagt. Also das Ref. ist ja doch ein anstrengender Ritt, sage ich jetzt mal, über 1,5 Jahre.
Die andere Motivation war, dass ich ein ambitionierter Mensch bin und dass ich meinen Beruf mit Leidenschaft mache. Er gibt mir viel. Es macht mir unfassbar Spaß, sehr gute Stunden zu entwickeln. Das war ein Anreiz für mich, die Stunde weiterzuentwickeln, daran zu feilen: Wie kann die noch besser gemacht werden? Sozusagen als Motivation, durch den Wettbewerb die Stunde zu entwickeln.
Was ich auch noch als Motivation gesehen habe, ist, dass es eine Möglichkeit ist, jungen Lehrkräften eine Plattform zu bieten für ihre Ideen und Interessen. Und auch eine Wertschätzung für die Arbeit zu erhalten. Das ist auch etwas, was man so am Ehesten von den Schülerinnen und Schülern bekommt, teilweise vom Kollegium, aber sonst bekommt man ja wenig Feedback für die Arbeit, die man da tagtäglich macht.
Ich war auch sehr unentschlossen, ob ich daran teilnehmen soll. Jetzt habe ich gerade so viel Stress hinter mir, ist es nötig? Vielleicht fängt man auch gerade erst an. Man hat nichts zu verlieren, wenn man ganz ehrlich ist. Man kann nur gewinnen, wenn man daran teilnimmt. Man kann auch nur an so einer Erfahrung wachsen. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass man eine grandiose Stunde unterrichtet.
Nachwuchswettbewerb Geschichte 2023

im Bild v.l.n.r. : Lorenz Steinert Ernst Klett Verlag; Anne Hildebrandt, 2. Platz; Nora Mussler, 1. Platz; Sarah Dotzek, 3. Platz; Dr. Johannes Droste, VGD (Foto: privat)
Ihr habt nun Lust selbst am Wettbewerb teilzunehmen?
Statement von Lorenz Steinert, Gruppenleiter im Programmbereich Gesellschaftswissenschaften beim Ernst Klett Verlag
Wenn Sie an den Geschichtswettbewerb für Nachwuchskräfte denken, was gefällt Ihnen an dem Wettbewerb besonders gut und was bewegt Sie daran vielleicht immer wieder aufs Neue?
Als Verlagsmitarbeiter kann ich auch dank des Wettbewerbs hautnah erleben, welch tolle junge Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland unterrichten. Mir liegt das Fach Geschichte wirklich am Herzen und es freut mich zu sehen, wie diese jungen Lehrerinnen und Lehrer motivierende Zugänge zu historischen Themen entwickeln und im Unterricht anwenden. Die Begeisterung und das Engagement dieser Nachwuchslehrkräfte tragen zu einem lebendigen und praxisnahen Geschichtsunterricht bei.
Besonders Freude bereitet mir die Zusammenarbeit mit dem Verband der Geschichtslehrerinnen und -lehrer Deutschlands e.V. (VGD), vor allem der wertvolle Austausch, der dabei entsteht. Im Zuge dessen lerne ich immer wieder Neues über Unterricht und Schule.









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