Einwanderung nach Argentinien – historischer Rahmen
Argentinien gehört seit seiner Unabhängigkeit von Spanien im Jahr 1816 zu den klassischen Einwanderungsländern. Dies gilt bis in die Gegenwart, wenngleich in den letzten Jahrzehnten grundlegende Veränderungen im Hinblick auf die Herkunftsländer und die Motive der Migrant:innen zu beobachten sind.
Von 1830 bis 1950 wanderten 8,2 Millionen Menschen aus Europa nach Argentinien ein. Die Regierungen der jungen argentinischen Nation, die zur Zeit ihrer Gründung nur etwa 500.000 Einwohnerinnen und Einwohner zählte, förderten dezidiert die Ansiedlung von Migrantinnen und Migranten aus Europa. „Gobernar es poblar“ – regieren heißt bevölkern – war eine der Grundüberzeugungen von J. B. Alberdi, dessen politische Ideen die erste Verfassung von 1853 maßgeblich prägten. In ihr spiegelt sich die Offenheit gegenüber Immigrantion deutlich wider. Hundert Jahre nach der Unabhängigkeit betrug der Anteil der im Ausland geborenen Einwohnerinnen und Einwohner fast 30 %, die meisten davon aus Italien und Spanien.
Veränderung der Herkunftsländer
in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts
Das Jahr 1991 markiert in der Immigrationsgeschichte Argentiniens eine Zäsur: Erstmals überstieg der Anteil der Immigrantinnen und Immigranten aus den Nachbarländern (Uruguay, Paraguay, Bolivien und Chile) den Anteil der europäischen Zugezogenen (52,3 % vs. 40,9 %). Dieser Trend setzt sich seitdem kontinuierlich fort. 2022 kamen nur noch 8 % der Einwandernden aus Europa, aber 66% aus den Nachbarländern. Die meisten von ihnen stammen aus Paraguay (27 %) und Bolivien (18 %). Venezolanerinnen und Venezolaner verlassen verstärkt seit 2015 ihr Land und stellen in Argentinien inzwischen 8 % der Immigrantinnen und Immigranten.
Aktuelle Entwicklungen
Das argentinische Immigrationsgesetz von 2003 galt aufgrund seiner weitreichenden Rechte von Migrantinnen und Migranten lange als eines der fortschrittlichsten Immigrationsgesetze der Welt. Gegenwärtig ist jedoch eine grundlegende Wende erkennbar. Präsident Javier Milei verkündete im Mai 2025 einen Dringlichkeitserlass, der erhebliche Beschränkungen der Rechte von Migrantinnen und Migranten vorsieht.
Obgleich Arbeitskräfte weiterhin benötigt werden und willkommen sind, soll der Wohlfahrtsstaat nicht mehr allen zugänglich sein. Dies betrifft insbesondere die Bereiche der höheren Bildung und des Gesundheitswesens. Der Kongress hat das Dekret bislang jedoch nicht bestätigt, da es nicht verfassungskonform ist (Stand: Mai 2026). Der rechtliche Status der Migrantinnen und Migranten bleibt damit zunächst unverändert, doch die zukünftigen Entwicklungen sind nicht absehbar.
Regionale Disparitäten
Statistische Daten veranschaulichen eindrücklich die nationalen Disparitäten auf dem südamerikanischen Kontinent (siehe z. B. Haack Weltatlas 2022, S. 249-251 oder Human Development Index (HDI)). Doch welche konkreten Lebensbedingungen verbergen sich hinter diesen Daten? Mit welchen Herausforderungen sehen sich Menschen in diesen Ländern konfrontiert und welche Überlegungen bewegen sie schließlich zur Emigration nach Argentinien?
Motive der Immigrantinnen und Immigranten
Ein wesentliches Motiv stellt die Suche nach Arbeit dar, denn trotz wirtschaftlicher Krisen ist der argentinische Arbeitsmarkt sowohl für hochgebildete als auch für wenig qualifizierte Arbeitssuchende attraktiv. Ein weiterer Grund sind die im südamerikanischen Vergleich guten Bildungsmöglichkeiten und kostenlosen medizinischen Dienstleistungen.
Auch die unkomplizierten Einreiseformalitäten spielen eine entscheidende Rolle. Die 1991 als Handelsgemeinschaft gegründete Vereinigung MERCOSUR (Mercado Común del Sur) gewährt den Einwohnerinnen und Einwohner ihrer Mitgliedsländer (Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay) und der assoziierten Staaten (Bolivien, Chile, Kolumbien, Peru) Freizügigkeit sowie die gleichen zivilen Rechte wie Staatsangehörige des Ziellandes. Dies beinhaltet in Argentinien auch die kostenfreie Nutzung von Angeboten im Bildungs- und Gesundheitsbereich. Venezuela wurde 2012 in die Gemeinschaft aufgenommen, jedoch bereits vier Jahre später wieder suspendiert.
Individuelle Erfahrungen
Sechs biografische Skizzen von Migrantinnen und Migranten aus Bolivien und Venezuela, die auf Interviews der Autorin vom Dezember 2025 beruhen, spiegeln unterschiedliche soziale Verhältnisse, Bildungsvoraussetzungen und Erfahrungen wider.
Das Arbeitsblatt steht hier zum kostenlosen Download bereit.
Der Unterrichtsimpuls stellt diese authentischen biografischen Skizzen in den Mittelpunkt und entwickelt davon ausgehend eine mehrperspektivische Annäherung an die Gründe für die ungebrochene Attraktivität Argentiniens als Einwanderungsland.
Einbettung in den Unterricht
Die Unterrichtseinheit kann in unterschiedlichen thematischen Zusammenhängen eingesetzt werden:
- Regionale Disparitäten in Südamerika als Ursache für Migration
- Migration als globales Phänomen – Fallbeispiel Südamerika
- Reflexive Kartenarbeit – Karten und Erzählungen im Vergleich
Einstieg
Als Einstieg kann die lange Geschichte Argentiniens als Immigrationsland kurz skizziert werden (vgl. Kurzinformationen im Einleitungstext).
Arbeitsphase 1
Die sechs biografischen Skizzen werden arbeitsteilig von den Lernenden unter der folgenden Aufgabenstellung bearbeitet:
- Inwiefern sind die Lebensbedingungen in Bolivien bzw. Venezuela ein Auswanderungsgrund (push-Faktoren)?
- Inwiefern ist Argentinien ein erstrebenswertes Zielland (pull-Faktoren)?
- Welche Erfahrungen machten die Personen bei der Einreise nach Argentinien (intervenierende Faktoren)?
- Von welchen persönlichen Erfahrungen erzählen die Migrantinnen und Migranten?
Sammlung der Ergebnisse im Plenum, wobei sich eine Gegenüberstellung der Aussagen der Menschen aus Bolivien und der Menschen aus Venezoela anbietet.
Arbeitsphase 2
Anhand geeigneter Materialien (z. B. Haack Weltatlas 2022, S. 249–251 ) erarbeiten sich die Lernenden ein Grundwissen über die sozioökonomischen Disparitäten zwischen Venezuela, Bolivien und Argentinien. Anschließend vergleichen sie die Daten mit den Aussagen der Migrantinnen und Migranten:
- Welche Daten werden durch die Aussagen der Personen bestätigt, welche widerlegt?
- Welche zusätzlichen Informationen über die Motive der Emigration finden sich in den Aussagen der Migrantinnen und Migranten?
Sammlung der Ergebnisse im Plenum.
Abschluss
Abschließend kann der Informationsgehalt von statistischen Daten bzw. thematischen Karten einerseits und authentischen Erzählungen andererseits verglichen und kritisch reflektiert werden.
Arbeitsblatt zum Unterrichtsimpuls:
Literatur
Albarracín, Julia (2025): Founded with immigration in mind, Argentina has reconsidered its approach. In: MPI (Migration Policy Institute), October 8, 2025; https://www.migrationpolicy.org/article/argentina-migration-history-profile
Eguren Rodríguez, Joaquín (2020): Einwanderung und Auswanderung in Südamerika. In: Bundeszentrale für politische Bildung, Politik – Geschichte – Internationales; https://www.bpb.de/themen/migration-integration/regionalprofile/suedamerika/304632/einwanderung-und-auswanderung-in-suedamerika/
INDEC (Instituto Nacional de Estadística y Censos) (2024): Censo Nacional de Población, Hogares y Viviendas 2022, Migraciones internacionales y internas. Edición ampliada, Abril de 2024; https://www.indec.gob.ar/ftp/cuadros/poblacion/censo2022_migraciones.pdf

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