Vom 19. bis zum 22. September 2023 findet der 54. Deutsche Historikertag in Leipzig statt. Neben dem fachlichen und sozialen Austausch gibt es in diesem Jahr spannende Programmpunkte, auch der Ernst Klett Verlag ist dieses Jahr mit unterschiedlichen Vorträgen und Workshops dabei. Um euch einen genaueren Einblick in den 54. Deutschen Historikertag zu geben, haben wir ein Interview mit dem Geschäftsführer des diesjährigen Ortskomitees, PD Dr. Thomas Urban, geführt.
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Herr Dr. Urban, Sie sind Geschäftsführer des Ortskomitees zum 54. Deutschen Historikertag 2023 in Leipzig. Was genau ist der Deutsche Historikertag und welche Ziele verfolgt der mehrtägige Kongress?
Thomas Urban: Der Deutsche Historikertag ist ein Format, das Ende des 19. Jahrhunderts, genauer gesagt 1893 in München ins Leben gerufen und gegründet wurde. Der Grundimpuls, warum man sich in einem größeren Kreis getroffen hat, war damals, dass man festgestellt hat, dass Geschichte in den schulischen Lehrplänen eigentlich kaum vorkam und man darüber diskutieren wollte, ob es ausreichend abgebildet ist. Und interessanterweise, im Jahr 1894, gab es schon das 2. Treffen in Leipzig.
Kurz darauf hat sich dann auch der Verband der Historiker Deutschlands (VHD) gegründet, erst später kamen auch die Historikerinnen im Namen dazu. Seit einigen Jahrzehnten trifft man sich im Zweijahresrhythmus. Ursprünglich war das immer an den geraden Jahren […]. Mitausrichter ist mittlerweile auch der Verband der Geschichtslehrerinnen und -lehrer Deutschlands (VGD), und alle zwei Jahre ein wechselndes Ortskomitee. Das hat mit den unterschiedlichen Austragsorten zu tun.
Thomas Urban: Was die Ziele anbetrifft, so gibt es mehrere. Man möchte seine Forschungsergebnisse, die man in seiner Zunft zusammengetragen hat, der Öffentlichkeit präsentieren. Nicht nur Forscherinnen und Forschern, sondern auch Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und der Stadtgesellschaft. Man möchte aktuelle Themen, die auch das Fach und die Menschen, die sich mit diesem Fach identifizieren und sich darin bewegen, diskutieren und gerade jetzt nach der Coronazeit möchte man sich sozial austauschen, nicht nur fachlich, sondern sich auch sozial begegnen. Der Verbandsvorsitzende spricht immer gern von einer Leistungsschau des Faches, man will also auch eine Standortbestimmung vornehmen: Wo wir stehen eigentlich im Fach? Öffnen wir uns auch für andere Fächer? Es sind meistens an die 100 Einzelveranstaltungen, es gibt spezielle Programme für Schüler und Schülerinnen, sowie Lehrkräfte. All dies zusammen macht dann einen der größten geisteswissenschaftlichen Fachkongresse Europas aus. Von den Teilnehmendenzahlen von bis zu 2.500 Personen her kann dies mit gutem Recht behauptet werden.
Thomas Urban: Noch kurz zum Austragungsort Leipzig, 1894 hat es hier zum 1. Mal stattgefunden, dann hat es genau 100 Jahre gedauert bis 1994 der erste Historikertag auf ostdeutschem Boden nach der Wiedervereinigung stattgefunden hat. Auch wenn seitdem der zeitliche Abstand zum jetzigen Jahr 2023 kürzer geworden ist, stellt die Austragung eines solchen Kongresses für den jeweiligen Ort immer noch ein recht seltenes und daher besonderes Ereignis dar. Seit 1986 stehen die Historikertage unter einem Motto; in Leipzig dreht sich in diesem Jahr vieles, aber längst nicht alles um „Fragile Fakten“.
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Sie sind Privatdozent an der Fakultät für Geschichte, Kunst- und Regionalwissenschaften der Universität Leipzig. Welche Verbindung haben Sie zum Deutschen Historikertag und wie kamen Sie dazu, Teil des Ortskomitees zu werden?
Thomas Urban: In den letzten Jahren, und vor allem während meiner Habilitation, bin ich nicht so stark mit den Facetten der Geschichtswissenschaft in Berührung gekommen. Da habe ich mich eher interdisziplinär bewegt und gemeinsam mit Forschenden gearbeitet, beispielsweise aus der Ökonomie, Soziologie und Psychologie. Das hat mit meinem Thema zu tun, der Krisenfestigkeit von Unternehmerfamilien im 20. Jahrhundert. Deswegen habe ich den Historikertag zu dieser Zeit eher aus der Ferne wahrgenommen.
Ich kam zum Ortskomitee durch meine in Leipzig abgeschlossene Habilitation und meine Tätigkeit als Assistent bei Herrn Prof. Markus Denzel an der Professur für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität, war zuvor an mehreren Universitäten im Projektmanagement tätig, und für mich war es nach Abschluss der Habilitation dann der Reiz in Leipzig mit einer neuen Stelle verlängern zu können, und prominent jetzt dieses große Event mit vorzubereiten.

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Der 54. Deutsche Historikertag findet zum ersten Mal seit der Pandemie in Präsenz statt. Was für ein Programm erwartet die Teilnehmenden in diesem Jahr?
Thomas Urban: Es gibt mehr als 100 Veranstaltungen, das sind Fachsektionen, also das Kernprogramm und drum herum noch einige andere Formate, wie Mitgliederversammlungen, diverse Vernetzungstreffen von Vereinen, Initiativen und Personengruppen innerhalb der Community historisch Forschender. Insgesamt erwartet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein Programm, das wieder aktuelle Debatten und drängende Themen in aller Breite aufgreift wie die Arbeitsbedingungen ukrainischer Historikerinnen und Historiker in Zeiten des Krieges. Wir werden mehrere Diskussionsveranstaltungen mit Ukraine/Russland-Bezug haben, aber auch Themen wie der Einfluss der Künstlichen Intelligenz auf das Fach Geschichte. Schlagwort dieser Veranstaltung ist „Geschichte aus der Maschine“- geht das überhaupt?
Es ist eine große Palette an Themen, die nicht-zeithistorischen Themen bleiben dabei aber nicht auf der Strecke. Es wird viele Brückenschläge zwischen den einzelnen Epochen, zwischen der Alten Geschichte und der Gegenwart geben. Und es wird auch gezielt „Übersetzungsleistungen“ geben, und ich glaube, gerade diese Übersetzungsleistungen werden hoffentlich die Würze dieses Historikertages ausmachen und der Veranstaltung eine gewisse Dynamik und Frische verleihen. Wir verzichten zwar in Leipzig das erste Mal seit längerer Zeit offiziell auf ein Partnerland, trotzdem haben wir bei der Vorbereitung und Auswahl der Veranstaltungen sehr stark auf eine hohe Internationalität der Sektionsbeteiligten und der Themen Wert gelegt.
Bilder vom Deutschen Historikertag 2016 in Hamburg und 2018 in Münster


Die Gewinnerinnen und der Gewinner des Nachwuchswettbewerbs Geschichte beim Historikertag Hamburg 2016 und Münster 2018.
vlnr: Ulrich Bongertmann, VGD / Dr. Marco Dräger, 3. Platz / Saskia Ahlers, 1. Platz / Katharina Kaiser, 2. Platz / Lorenz Steinert & Cordula Rodenberg, EKV.
vlnr: Lorenz Steinert & Cordula Rodenberg, EKV / Ulrich Bongertmann, VGD / Anna-Katharina Nolte, 2. Platz / Sylvia Steglich, 1. Platz / Dr. Peter J. Droste, VGD.
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Der Deutsche Historikertag gilt als einer der größten geisteswissenschaftlichen Kongresse Europas. Was zeichnet den Kongress aus und welche Veranstaltungen und Vorträge für das Lehrer:innenprogramm sind in diesem Jahr geplant?
Thomas Urban: Den Kongress zeichnet eine größere Vielfalt aus, das schlägt sich auch auf das Lehrer:innenprogramm nieder. Es gibt eine Bandbreite an Themen von der unsicheren Urgeschichte, also der Frage, wie unsicher die Faktenlage bei der Urgeschichte ist, über den aktuellen Stand und vielleicht auch Zustand der Mittelalterforschung bis zur Geschichte des Geschichtswettbewerbes des Bundespräsidenten.
Und wenn ich nochmal näher auf das Lehrer:innenprogramm eingehe, dann wird es am 22. September einen Eröffnungsvortrag zu „Fake News und Verschwörungstheorien in der Geschichte der USA“ geben, da haben wir also wieder den direkten Bezug zum Motto des 54. Deutschen Historikertages. Im Laufe des Vormittages am 22.September wird es vier Workshops geben, die parallel stattfinden, und auch da ist eine Spannbreite an Themen garantiert:
- Von dem Podcast des VDG „historycast“,
- über trimediale Geschichtsformate,
- den Einfluss der Digitalisierung, KI und Algorithmen auf den Geschichtsunterricht,
- bis hin zum Extremismus in der Schule mit Tipps für Lehrkräfte zum Umgang mit dem Thema.
Zudem bildet sich die Vielfalt des Lehrer:innenprogramms gerade auch in den Themen der vier Workshops am 22. September ab.
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Gibt es etwas, was Sie für den 54. Deutschen Historikertag neu angegangen sind?
Thomas Urban: Das Publikum des Deutschen Historikertages hat sich in den vergangenen 20 Jahren ständig verjüngt. In Leipzig waren wir uns mit dem Verband schnell einig, dass wir diesen Weg konsequent weiterführen möchten, durch Angebote verschiedener Vernetzungstreffen. Die Promovierenden und Promovierten werden eigene Vernetzungsangebote haben, auch die Gruppe der „Young Professionals“ – jeder Gruppe wird ein entsprechendes Forum für den Austausch geboten.
Dabei wird von den Communities erwartet, dass neue Formate ausprobiert werden. Als Beispiel wird der ehemalige „History-Slam“, der in den vergangenen Jahren teilweise einen größeren Wettbewerbsdruck erzeugt hat, jetzt als Pub Quiz in der Moritzbastei stärker im Bereich des Spielerischen veranstaltet. Ein zweites Beispiel ist die Posterausstellung der Promovierenden. Gegenüber zu Münster 2018 gibt es die Neuerung, dass man jetzt das Format durch digitale Zusatzangebote, die auf den Postern über QR-Codes abrufbar sind, erweitert hat. Das wird in Leipzig erstmals ausprobiert und wir hoffen, dass das gut angenommen wird.
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Welche Möglichkeiten der Interaktion bzw. des Austausches gibt es in diesem Jahr, vor allem für Lehrkräfte?
Thomas Urban: Das Innovative wurde gerade schon angeteasert. Gerade wenn man sich das Lehrer:innenprogramm in Leipzig anschaut, wird es ein neues Format geben. Erstmals splitten wir das Programm in zwei Tageshälften auf. Wir starten am Nachmittag des 21. September damit, dass wir Fachsektionen für Historikerinnen und Historiker auch für Lehrkräfte öffnen, das sind insgesamt 24 Veranstaltungen, unter denen Lehrkräfte bei der erwähnten Spannbreite an Themen wählen können. Auch epochenübergreifende Themen, beispielsweise „Game-based learning und Antike“, also spielerische Wissensvermittlung im Unterricht anhand digitaler Tools, und dann haben wir am Freitagvormittag das klassische Lehrer:innenprogramm.
Thomas Urban: Im Prinzip 24 Stunden, einmal die Integration in die Fachsektionen (21. September) und dann am nächsten Tag (22. September) das klassische Programm. Deswegen haben wir uns bewusst dazu entschieden, den Lehrkräften ein 24-Stunden-Ticket anzubieten. Allein auf diesem Wege wird es sehr vielfältige und ausführliche Begegnungen zwischen Lehrkräften und Fachwissenschaftlerinnen sowie Fachwissenschaftlern geben. So gesehen entspricht das neue Format auch einem Forum. Dann gibt es die erwähnten Workshops […], es gibt die große Fachausstellung, an der einige Schulbuchverlage teilnehmen werden und es dort viele Gesprächsmöglichkeiten gibt. Last but not least gibt es die zentralen Mittags- und Kaffeepausen, vielleicht nach Corona in diesem Umfang noch etwas Besonderes.
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Was ist Ihr Resümee als Geschäftsführer und wo sehen Sie die Zukunft des Deutschen Historikertages?
Thomas Urban: Ich habe unheimlich viel in der neuen Position als Geschäftsführer des Historikertages gelernt. Ich musste mir Dinge aneignen, die ich mir vorher als Forscher nicht aneignen musste. Natürlich ist immer ein vertrauensvolles Verhältnis mit dem Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands in Frankfurt elementar wichtig, wenn es um die Vorbereitung geht. Hinzu kommt die Zusammenarbeit mit Sprecherinnen und Sprechern des Ortskomitees. Ich habe viele Akteurinnen und Akteure aus den verschiedensten Fachbereichen und Gewerken – und letztlich auch die Universität Leipzig näher, wenn nicht gar neu kennengelernt.
Wie die Zukunft des Historikertages aussieht – man kann sich vorstellen, seit dem ersten Treffen 1893 ist der Historikertag nicht nur zeitlich, sondern auch vom organisatorischen Aufwand, Umfang und den Teilnehmendenzahlen her enorm gewachsen. Er ist mittlerweile auch zu einem Unternehmen geworden, das von Agenturen u.a. bei der Registrierung und beim Design unterstützt wird, aber auch die Finanzausgaben müssen dabei im Blick behalten werden, weil die Formate aufwändiger werden und die Erwartungen wachsen. Der Stab an Mitarbeitenden in Frankfurt und dem jeweiligen Austragungsort bleibt aber verhältnismäßig gering. Hier wäre mein Wunsch für die Zukunft, dass, bei allem Wachstum und zunehmender Professionalisierung, die Freude an der persönlichen Begegnung und am persönlichen Austausch bestehen bleibt, um auf dieser Basis mit Demut, Fairness und Scharfsinn über Argumente und Themen streiten zu können.









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