Was bedeutet Sprachbildung?
Wir verstehen Sprachbildung als durchgängiges Prinzip des Regelunterrichts für alle Schülergruppen. Ziel ist es, Handlungsstrategien zu entwickeln, wie es in divers zusammengesetzten Gruppen allen Schülerinnen und Schülern ermöglicht werden kann, die Lernziele des Unterrichts zu erreichen. Schülerinnen und Schüler sollen schrittweise zur Arbeit (auch) mit (schwierigen) Texten und Materialien befähigt werden. Dafür erhalten sie die notwendigen Unterstützungsleistungen. Insofern kann Sprachbildung einen wesentlichen Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit leisten.
Ihr seid als Lehrkräfte auf die sprachlichen Fähigkeiten Eurer Schülerinnen und Schüler angewiesen, um Inhalte zu vermitteln. Anders als im Deutschunterricht, in Englisch oder Französisch ist die Sprache jedoch nicht der Gegenstand des Fachunterrichts, sondern Mittel zum Zweck, sich die fachlichen Inhalte zu erschließen. Fachinhalte stehen also im Fokus.
Wozu sprachbewusster Unterricht?
Die Bildungssprache benötigen wir, um
- komplexe Inhalte zu verstehen,
- Wissen zu transportieren,
- am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen und
- mündiger Bürger/mündige Bürgerin mit
- schulischem Zertifikat und beruflichem Erfolg zu werden.

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Ein wesentliches Merkmal der Bildungssprache ist, dass sie konzeptionell schriftlich ist, auch wenn sie gesprochen wird. Das bedeutet:
- sachorientiert und inhaltlich abstrakt,
- monologisch, nicht emotional und unabhängig von konkreten Handlungssituationen,
- klar strukturiert und sprachlich komplex.
Unüberwindbar erscheinende sprachliche Hürden können den Blick auf das Fach verstellen. Sprachsensible Bildungsexperten
- machen sich daher die sprachlichen Hürden und Besonderheiten in ihrem Fach bewusst,
- verringern unnötige Hürden, indem sie sie bestmöglich abbauen, oder
- entscheiden bewusst, dass die Hürde eine Lernchance bietet; in diesem Fall brauchen die Schülerinnen und Schüler Hilfen zu ihrer Überwindung.
Sprachliche Hürden auf verschiedenen Ebenen
Sprachliche Hürden in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern sind auf drei Ebenen zu finden, wobei jedes Fach unterschiedliche Schwerpunkte setzt:
- Wortebene: Gemeint sind z. B. schwierige Fachwörter, die in der Alltagssprache nicht, selten, oder anders vorkommen (z. B. Feldherr, Atmosphäre, Markt). Auch Nominalisierungen, Komposita (z. B. Nordwestrichtung), Präfixverben (z. B. besiedeln, zerklüften, erlassen), oder Abkürzungen (z. B. NATO, NHN, BIP) können zu Verständnisschwierigkeiten führen.
- Satzebene: Komplexe, von Substantiven/Nomen geprägte Satzkonstruktionen, Verbgefüge (z. B. in Kraft treten), Konjunktional- und Relativsätze oder auch Passivsätze können für ungeübte Leserinnen und Leser zur Hürde werden.
- Textebene: Hinzu kommen fachtypische Besonderheiten wie Sachtext, Textquelle, historische Darstellung, Zeitungsbericht, Kommentar, Protokoll, Versuch/Experiment, Raumanalyse usw., aber auch komplexe, nicht-lineare Darstellungsformen (sog. diskontinuierliche Texte) wie Diagramm/Statistik, Tabelle, Zeitleiste, Schaubild und Karte. Auch Bilder (Foto, Zeichnung, Karikatur, Plakat) müssen sach- und fachkundig entschlüsselt und gedeutet werden. Hinzu kommen neuere Medien wie Erklärfilm und Audio.
Sprache bedeutet auch: Richtig lesen, einordnen, deuten und beschreiben können.
Der Umgang mit unterschiedlichen Diagrammformen wie diesen will gelernt sein.

Die vier Prinzipien des sprachbewussten Fachunterrichts
- Inhalts- und Sprachlernen verknüpfen
Isolierte Sprachübungen finden nicht statt, dennoch sollten sprachliche und fachliche Lernziele zusammenpassen. Demnach könnten Unterrichtseinheiten in den GeWi-Fächern etwa wie folgt lauten, wobei sprachliche und/oder fachmethodische Anforderungen (wie Vergleichen, Analysieren, Diskutieren) mit Fachinhalten verknüpft werden. Beispiele:
– Erdkunde, Terra, Kl. 5/6: Das Leben in Stadt und Land vergleichen („Blättern im Buch“, ab Buchseite 44)
– Geschichte, Geschichte und Geschehen, Kl. 7/8: Den Weg zur Demokratie anhand von Verfassungsschaubildern analysieren („Blättern im Buch“, Buchseiten 96 und 117 Buchseiten 96 und 117)
– Politik/Wirtschaft, Projekt G, Kl. 9/10: Gefährdet soziale Ungleichheit die Demokratie? – Eine Pro-Kontra-Debatte führen („Blättern im Buch“, ab Buchseite 45) - Progression
Wer sprachbewusst unterrichten möchte,
– vergegenwärtigt sich die Zielgruppe: Schulform, Jahrgangsstufe, Lernausgangslage,
– bezieht die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler mit ein,
– strebt eine stufenweise Steigerung des Sprach- und Lernniveaus an,
– führt vom Konkreten zum Abstrakten (sprachlich wie fachlich). - Bildungssprache gezielt aufbauen
Um die Bildungssprache gezielt zu fördern, empfiehlt sich ein potentialorientierter Unterricht, der
– fordernd ist und reichhaltigen sprachlichen Input knapp über dem aktuellen Kompetenzniveau bietet,
– aktiviert und Anlässe zum sprachlichen Lernen schafft (mündlich wie schriftlich).
– Dabei sind sowohl Lehrkräfte und Lernmaterialien sprachliche Vorbilder. - Sprachproduktion und -verständnis unterstützen
– Ausgangspunkt ist die Vorwissensaktivierung.
– Wesentlicher Bestandteil des sprachsensiblen Unterrichts sind im weiteren Schritt sprachliche Scaffolds (Gerüste), die auf- und wieder abgebaut werden, sobald sie nicht mehr benötigt werden. Dazu zählen z. B.: Redemittel/Formulierungshilfen, Visualisierungen, Strukturierungsansätze, lehrergestützte Berichte oder Musterantworten.
– Lehrkräfte können die Interaktion ihrer Schülerinnen und Schüler mithilfe von kooperativen Lernformen unterstützen, z. B. Think-Pair-Share, Gruppenpuzzle, Stationenlernen, Rollenspiel, Pro- und Kontra-Diskussion.
– Darüber hinaus sollten Strategien zum Lesen, Schreiben und Problemlösen im Fachunterricht erarbeitet und angewendet werden.
Fazit und Serienauftakt
- Sprachbewusster Unterricht arbeitet mit der Sprache, die da ist. Aber er begnügt sich nicht damit.
- Lernen findet dann statt, wenn Schülerinnen und Schüler eine hinreichend große Herausforderung bewältigen sollen, die sie weder unter- noch überfordert. Um diese Entwicklungszone („Zone der nächsten Entwicklung“ nach dem Psychologen Lew Wygotski) zu befördern, sind Unterstützungsleistungen („Scaffolding“) und ausreichend Anreize hilfreich.

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In den weiteren Teilen dieser Serie geben wir euch einen Überblick darüber, welche Elemente die Sprachbildung in konkreten Fächern wie Geschichte, Geographie/Erdkunde sowie Wirtschaft/Politik konkret unterstützen können. Dazu zählen z. B. sprachsensible Texte für mehr Verständlichkeit, vernetzendes Lernen, Quellen und Karten „in Ebenen“, Operatoren- und Kompetenztraining sowie sprachbildende Aufgaben.
Literaturtipps
- Budke, Alexandra; Kuckuck, Miriam (Hrsg.): Sprache im Geographieunterricht. Bilinguale und sprachsensible Materialien und Methoden. Waxmann Verlag, Münster 2017.
- Klippert, Heinz: Heterogenität im Klassenzimmer. Wie Lehrkräfte effektiv und zeitsparend damit umgehen können. Beltz Verlag, Weinheim, Basel 2010.
- Leisen, Josef: Handbuch Fortbildung Sprachförderung im Fach. Sprachsensibler Fachunterricht in der Praxis. Ernst Klett Sprachen, Stuttgart 2017.
- Leisen, Josef: Handbuch Lesen im Fachunterricht. Sachtexte sprachsensibel bearbeiten. Verstehendes Lesen vermitteln. Ernst Klett Sprachen, Stuttgart 2020.
- Leisen, Josef: Handbuch Sprachförderung im Fach. Sprachsensibler Fachunterricht in der Praxis. Bd. 1: Grundlagenteil. Bd. 2: Praxismaterialien. Ernst Klett Sprachen, Stuttgart 2013.
- Michalak, Magdalena; Lemke, Valerie; Goeke, Marius: Sprache im Fachunterricht. Eine Einführung in Deutsch als Zweitsprache und sprachbewussten Unterricht. Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2015.
- Oleschko, Sven (Hrsg.): Sprachsensibles Unterrichten fördern. Angebote für den Vorbereitungsdienst. Stiftung Mercator, Ministerium für Schule und Bildung Nordrhein-Westfalen, Landesweite Koordinierungsstelle Kommunale Intergrationszentren (LaKI) NRW 2017. Online inkl. aller Materialien unter: https://www.stiftung-mercator.de/de/publikationen/sprachsensibles-unterrichten-foerdern/
- Sandkühler, Thomas; Bernhardt, Markus (Hrsg.): Sprache(n) des Geschichtsunterrichts. Sprachliche Vielfalt und Hiostorisches Lernen. Beihefte zur Zeitschrift für Geschichtsdidaktik, Band 21. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2020.


Hier haben Sie mit viel differenzierender Mühe, den schwierigen Weg der sprachlich im Abseits stehenden in eine Lerngemeinschaft anhand vieler notwendiger Schritte skizziert. Das ist wirklich großartig gelungen.