KI und Geschichtsunterricht: Eine untrennbare Verbindung?
Zunächst einmal sollte man sich die Frage stellen, was das „Digitale Lernen“ überhaupt bringen kann: Ein Team des Zentrums für internationale Bildungsvergleichsstudien an der TU München hat sich genau diese Frage gestellt und im Auftrag der KMK knapp 80 Einzelstudien ausgewertet mit dem Ziel, zu klären, ob sich der Unterricht verbessert und die Lernmotivation der Schülerinnen und Schüler gesteigert wird. Dabei konnte zwar grundsätzlich eine Leistungsverbesserung festgestellt werden, aber entscheidend ist, wie der Einsatz digitaler Medien erfolgt.
Und damit sind wir wieder beim Thema KI: Diese kann nur eine Bereicherung sein, wenn die Lehrkräfte geschult sind, ein kritischer Umgang eingeübt wird, wenn der Austausch über das Geschehene zwischen den Lernenden erfolgt und wenn die Aufgaben schülerorientiert, problemorientiert sind sowie offene Unterrichtsformen präferieren. Was spricht also genau für KI und was dagegen?
Pro:
Genau dieser lernförderliche Einsatz (Schülerorientierung, Problemorientierung, offene Unterrichtsformen in Partner- oder Gruppenarbeit) kann dabei unterstützen, die fachlichen und überfachlichen Kompetenzen zu erweitern. Ebenso individuelle Hilfestellungen für selbstgesteuerte Lernprozesse: Sollte beispielsweise der Schulbuchtext für eine Schülerin/einen Schüler mit DAZ-Hintergrund oder sonstigem sprachlichen Unterstützungsbedarf zu schwierig sein, bietet KI die unkomplizierte Möglichkeit, Texte sprachlich zu vereinfachen, Fremdwörter zu erklären, Textbausteine formulieren oder fremdsprachliche Texte übersetzen zu lassen (z.B. mithilfe von DeepL, siehe Link unten). Sozusagen „Scaffolding 5.0“, also sog. Sprachlerngerüste, in einer moderneren Variante.
Durch Chatbots lassen sich ebenso Aufgaben für den Geschichtsunterricht mit verhältnismäßig geringem Aufwand viel stärker individualisieren bzw. ausdifferenzieren. Hier sollten insbesondere Aufgabenformate in Erwägung gezogen werden, die das 4K-Modell (= Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und Kritisches Denken) im Sinne einer kreativen Auseinandersetzung berücksichtigen. Dabei steht der reflektierte Umgang mit den Unterrichtsgegenständen im Fokus, der damit sowohl die Reflexions- und Diskussionskompetenz schult als auch die Fähigkeit, Sach- und Werturteile zu fällen. Nicht zu vernachlässigen sind die Vorteile für die Lehrerinnen und Lehrer selbst, da KI-basierte Anwendungen eine (zeit-)ökonomische Unterstützung zur Unterrichtsvorbereitung und zur Gestaltung von Materialien sein können. Rollenkarten zu historischen Themen beispielsweise lassen sich innerhalb von Minuten kreieren, sollten dann aber auf Korrektheit hin überprüft werden.
Kontra:
Bei aller (berechtigten) Begeisterung, die KI als Ergänzung zum Lehrwerk bietet, dürfen die zahlreichen kritischen Aspekte wie der unreflektierte Umgang mit den Ergebnissen der Chatboots durch die Schülerinnen und Schüler nicht unerwähnt bleiben. Einige Beispiele:
- Allgemein ist die schwankende Qualität unterschiedlicher Chatboots ein Problem: Microsofts kostenlose Version des sog. „Copilot“ der Suchmaschine Bing gibt beispielsweise teils Wikipedia-Texte ungefiltert wieder.
- Fehlende Überprüfung der Informationen/falsche Informationen: Die Textgrundlagen und Quellen bleiben meist verborgen.
- Mangel an einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand: Der Einsatz von KI kann dazu führen, dass Schülerinnen und Schüler Themen weniger kritisch reflektieren, sie kaum hinterfragen und alternative Perspektiven unberücksichtigt bleiben.
- Fehlende Kontextualisierung KI-generierter Inhalte: Dies führt zum mangelhaften Verständnis eines historischen Ereignisses in seinem Kontext.
- Verlust der Interaktion: Sollten die oben beschriebenen Kriterien wie z.B. offene Unterrichtsformen in Gruppenarbeit nicht erfolgen, besteht die Gefahr des „digitalen Frontalunterrichts“.
- Und nicht zuletzt die Einschränkung des Lehrer-Schüler-Dialogs: Dieser darf keinesfalls zu kurz kommen, wobei die Lehrkraft hier auch als Berater/Beraterin und Moderator/Moderatorin fungieren könnte.
Im zweiten Teil unserer Serie erfahrt ihr anhand eines Beispieles, wie sich ChatGPT sinnvoll in den Geschichtsunterricht integrieren lässt. Hier geht es zum Beitrag:
Einbettung im Unterricht
Vier konkrete Beispiele:
- Zu den Einsatzmöglichkeiten rund um ChatGPT
- Eine große Herausforderung der aktuellen KI-Entwicklung sind sogenannte Deepfakes, also computergenerierte Videos, Bilder und Stimmen. Hauptzielgruppe sind Politiker und Politikerinnen sowie sonstige in der Öffentlichkeit stehende Personen. Die Zielsetzung besteht darin, entweder irreführende Informationen zwecks Verleumdung oder Manipulation zu verbreiten oder explizit peinliche/sexualisierte Situationen zu erzeugen. Bildmanipulation ist letztlich kein neues Phänomen – so können z.B. von Hand manipulierte Bilder aus der Zeit des Nationalsozialismus als historische Vergleichsobjekte dienen – aber die Perfektion und Niederschwelligkeit ist in der Gegenwart eine andere: Spezialisierte KI-Tools wie z.B. deepfakesweb.com geben jedem Laien die Möglichkeit, relativ hochwertige Deepfakes zu erzeugen. Der häufigste Einsatz ist:
– „face swapping“: Hier wird das Gesicht einer bekannten Person durch das Gesicht einer anderen Person z.B. in Videos ersetzt und dann mithilfe der KI bearbeitet (hohes destruktives Potential).
– „voice swapping“: Mithilfe des Voice Swappings lassen sich Texte mit Stimmen anderer Personen sprechen. Ein Unterschied ist nur bei genauerer Analyse zu bemerken.
– „body-puppetry“: Hier werden Bewegungsabläufe ähnlich einem Marionettentheater auf andere Personen in Videos übertragen.
Die Analyse und ggf. Erstellung eigener Deepfakes bieten einen guten Ansatzpunkt, um Schülerinnen und Schüler im Geschichtsunterricht für die Thematik zu sensibilisieren und historische Bezüge herzustellen. Gute Tipps und Tricks zum Erkennen von Deepfakes gibt die Bundesregierung: Tipps und Tricks zum Erkennen von Deepfakes (Bundesregierung) - KI-basierte Videos: Der beliebte Youtube-Channel „Geschichte und Mythologie llustriert“ produziert vermeintliche Dokumentationen über historische Themen – ein Medium, mit dem viele Schülerinnen und Schüler gerne und häufig lernen. Nehmen wir das Beispiel „Die Große Hungersnot, die Europa in den Wahnsinn Trieb“. Youtube Film „Die Große Hungersnot, die Europa in den Wahnsinn Trieb“ Hier weist bereits der Titel Rechtschreibfehler auf; es handelt sich um ein Paradebeispiel für eine KI-Produktion minderer Qualität, die es mit Schülerinnen und Schülern im Geschichtsunterricht zu entschlüsseln gilt. Eine Computerstimme spricht Wikipedia-Text ein, der Inhalt zeichnet sich durch zahlreiche Wiederholungen, falsche Fakten, Übertreibungen und KI-generierte vermeintliche „Bildquellen“ aus, die von den zeitgenössischen Vorlagen u.a. durch übertriebene Mimik geprägt sind.
- Ein Positivbeispiel für den Einsatz von KI im Geschichtsunterricht ist die Plattform Mystery Scoop. Link zur Plattform Mytery Scoop Mithilfe des Programms werden beispielsweise historische Gemälde und alte Fotografien digital zum „Leben“ erweckt. Gesichtszüge werden kenntlich, die Haare, die Mimik usw. auf Basis der KI simuliert. Schülerinnen und Schüler bekommen so einen Eindruck, wie die Person ausgesehen haben könnte – beispielsweise für die Einstiegsphase in die Geschichtsstunde kann eine solche Visualisierung ein großer Gewinn sein.
Zum Weiterlesen
In unserer 7-teiligen Blogserie „Naturereignisse“ gibt es weitere Anregungen, um im Unterricht den Zusammenhang zwischen Wetterextremen wie Dürre, Starkregen, Hochwasser etc. und Klimawandel zu erläutern.

Herzlichen Dank für den interessanten Beitrag! Als Quereinsteigerin im Schuldienst (insgesamt 22 Wochenstunden an zwei Schulen) freue ich mich grundsätzlich über Anregungen und praktikable Möglichkeiten für meinen Geschichtsunterricht. Die Unterstützung vonseiten des Klett Verlages schätze ich hierbei sehr.
Beste Grüße
Natalie Schlegel