Politische Bildung muss sich ehrlich machen
Es ist uns nicht egal, welche Menschen wir bilden und was unsere politisch bildnerischen Ziele sind. Politische Bildung ist normative Demokratiebildung. Im vorangegangenen Blogbeitrag wurden die Aktualisierungsbedarfe des Beutelsbacher Konsens verdeutlicht. Im Folgenden stellen wir Beispiele für normative Weiterentwicklungen vor, die euch in der Praxis helfen können, eigene Positionen und Handlungsansätze zu unterstützen.
Frankfurter Erklärung (2015)
Aus den Reihen der kritischen politischen Bildung wurde 2015 die Frankfurter Erklärung entworfen. Sie stellt eine deutliche Positionsbestimmung dar: Politische Bildung wird hier explizit als Demokratiebildung verstanden. Der ausformulierte Demokratiebezug adressiert die normative Leerstelle im Beutelsbacher Konsens. Im Kern formuliert die Erklärung drei zentrale Verschiebungen:
Bedeutung für die Praxis
Die Frankfurter Erklärung stärkt die Bedeutung demokratischer Schulverantwortung und Lehrkräfte in Situationen, in denen sie mit antidemokratischen Positionen und Einstellungen konfrontiert sind. Hier wird für euch als Lehrkräfte deutlich dargelegt: Ihr dürft und sollt klare Grenzen ziehen. Nicht alles muss (gleichwertig) besprochen werden und nein, das gibt nicht das Kontroversitätsgebot auf, denn antidemokratische Positionen und Einstellungen waren nie kontrovers.
Mit diesem demokratischen Auftrag seid ihr als Lehrkräfte nicht allein! Politische Bildung ist Aufgabe der gesamten Schule. Somit stellt sich die Frage nach professioneller Positionierung nicht nur im Politikunterricht, sondern auch in anderen Fächern und auch im gesamten Schulkosmos jenseits von Fachunterricht.
Schwerter Konsent (2018)
Ein weiteres wichtiges Beispiel für die Weiterentwicklung des Beutelsbacher Konsens bildet der Schwerter Konsent (2018). Dieser setzt an einer weiteren, Unsicherheit produzierenden Leerstelle an: Er konkretisiert den Umgang mit extremistischen und demokratiefeindlichen Positionen im Unterricht für euch als Lehrkräfte. Seine zentrale Leistung liegt darin, die Grenzen des Kontroversitätsgebots klarer zu bestimmen:
Bedeutung für die Praxis
Der Schwerter Konsent bietet konkrete Orientierung in konflikthaften Unterrichtssituationen, etwa bei rechtsextremen Äußerungen im Klassenraum. Er hilft euch, eure Rolle nicht nur als Moderator:innen, sondern auch als Grenzsetzer:innen zu verstehen.
FAZIT: Von der Offenheit zur verantworteten Positionierung
Beide Ansätze verstehen sich nicht als Ablösung, sondern als Aktualisierung: Sie schärfen das Profil (politischer) Bildung in einer Zeit, in der demokratische Grundwerte zunehmend unter Druck geraten. Während der Beutelsbacher Konsens bewusst offen formuliert ist, leisten die Frankfurter Erklärung und der Schwerter Konsent eine notwendige Kontextualisierung für die Gegenwart:
- Frankfurter Erklärung: stärkt die normative Grundlage (Demokratiebildung statt Neutralität)
- Schwerter Konsent: präzisiert die didaktische Umsetzung (Grenzen der Kontroversität)
Gemeinsam tragen sie dazu bei, die angesprochene Problematik zu lösen: die Ausnutzung der Offenheit des Beutelsbacher Konsenses durch politische Akteure.
Die Aktualisierungen zeigen deutlich: Politische Bildung kann sich heute nicht mehr auf eine rein moderierende Rolle zurückziehen. Sie muss sich normativ verorten und didaktisch positionieren.
Der Beutelsbacher Konsens bleibt dabei zentral – aber erst durch seine Weiterentwicklungen wird er anschlussfähig für eine Gegenwart, in der Demokratie selbst zum Gegenstand politischer Auseinandersetzung geworden ist.
Weitere Beiträge zum Beutelsbacher Konsens
Teil 1: Das Überwältigungsverbot in der Praxis
Teil 2: Das Kontroversitätsgebot in der Praxis
Teil 3: Von der Offenheit zur verantworteten Positionierung
Teil 4: Aktuelle Weiterentwicklungen unter der Lupe
Quellen
Behrens, Rico; Besand, Anja; Breuer Stefan (2021): Politische Bildung in reaktionären Zeiten. Plädoyer für eine standhafte Schule. Frankfurt. Wochenschau Verlag. (kostenfreies e-book: https://wochenschau-verlag.de/ean/9783734411359)
Frankfurter Erklärung. Für eine kritisch-emanzipatorische Politische Bildung (2015). Online: https://uol.de/f/1/inst/sowi/ag/politische_bildung/Frankfurter_Erklaerung_aktualisiert27.07.15.pdf
Gärtner, Claudia; Herbst, Jan-Hendrik; Kläsener, Robert (2025): Der „Schwerter Konsent“ – ein religionspädagogischer Beutelsbacher Konsens? Online unter: https://www.feinschwarz.net/der-schwerter-konsent-ein-religionspaedagogischer-beutelsbacher-konsens/
Hölzel-Chokharash (2025): Das Kontroversitätsgebot als Waffe gegen Inklusion. Von einer wehrhaften, nicht neutralen politischen Bildung als Antwort. Online unter: https://elibrary.utb.de/doi/epdf/10.3278/HBV2502W003
Über die John-Dewey-Forschungsstelle für die Didaktik der Demokratie
Die John-Dewey-Forschungsstelle für die Didaktik der Demokratie (kurz:JoDDiD) ist eine Einrichtung an der Professur für Didaktik der politischen Bildung der TU Dresden. Sie unterstützt und berät außerschulische politische Bildner:innen durch verschiedene Formate. Dabei liegt der Anspruch der JoDDiD in partizipatorischen Prozessen, um gemeinsam mit den Aktiven im Feld nach passenden Lösungen für Praxisprobleme zu suchen.
Über die Professur für Didaktik der politischen Bildung
Die Professur für Didaktik der politischen Bildung an der TU Dresden hat die Aufgabe, Lehrkräfte für die Fächer Gemeinschaftskunde/Rechtserziehung/Wirtschaft auszubilden. Zudem bildet sie auch im in Sachsen verpflichtenden Modul „Politische Bildung für alle Lehramtsstudierende“ Studierende aller Lehramtsfächer aus.


Und – ganz aktuell – der Siegburger Konsens. Hier der Link zum Download: https://siegburg.de/medien/dokumente/siegburger-konsens.pdf?cid=2cnp
Vielen Dank für den Hinweis! Beste Grüße aus der Redaktion.