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Beutelsbacher Konsens (Teil 4/4): Aktuelle Weiterentwicklungen unter der Lupe

Der Beutelsbacher Konsens praktisch erklärt – dies ist das Ziel der Beitragsserie, die wir gemeinsam mit der John-Dewey-Forschungsstelle für die Didaktik der Demokratie (JoDiDD) und der Professur für Didaktik der politischen Bildung (TU Dresden) entwickelt haben.

Politische Bildung muss sich ehrlich machen

Es ist uns nicht egal, welche Menschen wir bilden und was unsere politisch bildnerischen Ziele sind. Politische Bildung ist normative Demokratiebildung. Im vorangegangenen Blogbeitrag wurden die Aktualisierungsbedarfe des Beutelsbacher Konsens verdeutlicht. Im Folgenden stellen wir Beispiele für normative Weiterentwicklungen vor, die euch in der Praxis helfen können, eigene Positionen und Handlungsansätze zu unterstützen.

Frankfurter Erklärung (2015)

Aus den Reihen der kritischen politischen Bildung wurde 2015 die Frankfurter Erklärung entworfen. Sie stellt eine deutliche Positionsbestimmung dar: Politische Bildung wird hier explizit als Demokratiebildung verstanden. Der ausformulierte Demokratiebezug adressiert die normative Leerstelle im Beutelsbacher Konsens. Im Kern formuliert die Erklärung drei zentrale Verschiebungen:

Die Frankfurter Erklärung betont, dass politische Bildung niemals wertneutral sein kann und normativ gebunden an die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist. Damit wird der aktuell von rechts geführte Neutralitätsdiskurs klar zurückgewiesen. Mehr noch: Mit der Neubestimmung der fdGO im Rahmen des Urteils des Verfassungsschutzberichts umfasst diese u.a. ein klares Bekenntnis zum Diskriminierungsschutz. Hier wird euch als Lehrkräfte nochmal rechtlicher Rückenwind gegeben demokratisch zu lehren.

Ihr sollt als Lehrkräfte nicht nur moderieren, sondern aktiv für demokratische Werte eintreten. Das bedeutet:

  • Einsatz für Menschenrechte und Pluralismus
  • klare Positionierung gegen Rassismus, Antisemitismus und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit
  • Förderung demokratischer Handlungskompetenz

Während der Beutelsbacher Konsens stark auf Mündigkeit und Urteilsfähigkeit zielt, ergänzt die Frankfurter Erklärung dies um den Anspruch der Handlungsfähigkeit. Politische Bildung soll Lernende befähigen, sich aktiv in demokratische Prozesse einzubringen. Kommt mit euren Lernenden ins echte demokratische Handeln, z.B. in Form von Zukunftswerkstätten über Regeln, Hausordnungen oder Leitbilder der Schule, wenn diese auch wirklich zu verhandeln und verändern sind – auch im hierarchischen Schulsystem selbst und auch wenn das manchmal nicht leicht ist.

Bedeutung für die Praxis

Die Frankfurter Erklärung stärkt die Bedeutung demokratischer Schulverantwortung und Lehrkräfte in Situationen, in denen sie mit antidemokratischen Positionen und Einstellungen konfrontiert sind. Hier wird für euch als Lehrkräfte deutlich dargelegt: Ihr dürft und sollt klare Grenzen ziehen. Nicht alles muss (gleichwertig) besprochen werden und nein, das gibt nicht das Kontroversitätsgebot auf, denn antidemokratische Positionen und Einstellungen waren nie kontrovers.

Mit diesem demokratischen Auftrag seid ihr als Lehrkräfte nicht allein! Politische Bildung ist Aufgabe der gesamten Schule. Somit stellt sich die Frage nach professioneller Positionierung nicht nur im Politikunterricht, sondern auch in anderen Fächern und auch im gesamten Schulkosmos jenseits von Fachunterricht.

Schwerter Konsent (2018)

Ein weiteres wichtiges Beispiel für die Weiterentwicklung des Beutelsbacher Konsens bildet der Schwerter Konsent (2018). Dieser setzt an einer weiteren, Unsicherheit produzierenden Leerstelle an: Er konkretisiert den Umgang mit extremistischen und demokratiefeindlichen Positionen im Unterricht für euch als Lehrkräfte. Seine zentrale Leistung liegt darin, die Grenzen des Kontroversitätsgebots klarer zu bestimmen:

Der Schwerter Konsent macht deutlich:
Antidemokratische Positionen sind keine legitimen Alternativen innerhalb des Kontroversitätsgebots. Sie dürfen thematisiert werden – aber nicht als gleichwertige Positionen.

Lehrkräfte sollen extremistische Positionen analysieren, einordnen und kritisieren.
Als Lehrkräfte verantwortet und gestaltet ihr den Bildungsraum bewusst. Antidemokratische Positionen und Einstellungen waren nie kontrovers. Ihr dürft ihnen keinen gleichberechtigten Raum im Sinne einer offenen Kontroverse geben.

Der Schwerter Konsent hebt hervor, dass politische Bildung immer auch einen Schutzauftrag hat:

  • Schutz vor Indoktrination
  • Schutz vor menschenfeindlichen Äußerungen im Klassenraum
  • Sicherung eines demokratischen Diskussionsklimas

Nicht selten passiert es in der Bildungspraxis, dass wir zu sehr auf laute, störende oder irritierende Personen fokussiert sind. Dabei ist es euer Auftrag als Lehrkräfte, gerade auch für Betroffene wach zu bleiben und einen sicheren Lernraum für alle zu schaffen.

Bedeutung für die Praxis

Der Schwerter Konsent bietet konkrete Orientierung in konflikthaften Unterrichtssituationen, etwa bei rechtsextremen Äußerungen im Klassenraum. Er hilft euch, eure Rolle nicht nur als Moderator:innen, sondern auch als Grenzsetzer:innen zu verstehen.

FAZIT: Von der Offenheit zur verantworteten Positionierung

Beide Ansätze verstehen sich nicht als Ablösung, sondern als Aktualisierung: Sie schärfen das Profil (politischer) Bildung in einer Zeit, in der demokratische Grundwerte zunehmend unter Druck geraten. Während der Beutelsbacher Konsens bewusst offen formuliert ist, leisten die Frankfurter Erklärung und der Schwerter Konsent eine notwendige Kontextualisierung für die Gegenwart:

  • Frankfurter Erklärung: stärkt die normative Grundlage (Demokratiebildung statt Neutralität)
  • Schwerter Konsent: präzisiert die didaktische Umsetzung (Grenzen der Kontroversität)

Gemeinsam tragen sie dazu bei, die angesprochene Problematik zu lösen: die Ausnutzung der Offenheit des Beutelsbacher Konsenses durch politische Akteure.

Die Aktualisierungen zeigen deutlich: Politische Bildung kann sich heute nicht mehr auf eine rein moderierende Rolle zurückziehen. Sie muss sich normativ verorten und didaktisch positionieren.

Der Beutelsbacher Konsens bleibt dabei zentral – aber erst durch seine Weiterentwicklungen wird er anschlussfähig für eine Gegenwart, in der Demokratie selbst zum Gegenstand politischer Auseinandersetzung geworden ist.

Weitere Beiträge zum Beutelsbacher Konsens

Teil 1: Das Überwältigungsverbot in der Praxis

Teil 2: Das Kontroversitätsgebot in der Praxis

Teil 3: Von der Offenheit zur verantworteten Positionierung

Teil 4: Aktuelle Weiterentwicklungen unter der Lupe

Quellen

Behrens, Rico; Besand, Anja; Breuer Stefan (2021): Politische Bildung in reaktionären Zeiten. Plädoyer für eine standhafte Schule. Frankfurt. Wochenschau Verlag. (kostenfreies e-book: https://wochenschau-verlag.de/ean/9783734411359)

Frankfurter Erklärung. Für eine kritisch-emanzipatorische Politische Bildung (2015). Online: https://uol.de/f/1/inst/sowi/ag/politische_bildung/Frankfurter_Erklaerung_aktualisiert27.07.15.pdf

Gärtner, Claudia; Herbst, Jan-Hendrik; Kläsener, Robert (2025): Der „Schwerter Konsent“ – ein religionspädagogischer Beutelsbacher Konsens? Online unter: https://www.feinschwarz.net/der-schwerter-konsent-ein-religionspaedagogischer-beutelsbacher-konsens/

Hölzel-Chokharash (2025): Das Kontroversitätsgebot als Waffe gegen Inklusion. Von einer wehrhaften, nicht neutralen politischen Bildung als Antwort. Online unter: https://elibrary.utb.de/doi/epdf/10.3278/HBV2502W003

Über die John-Dewey-Forschungsstelle für die Didaktik der Demokratie

Die John-Dewey-Forschungsstelle für die Didaktik der Demokratie (kurz:JoDDiD) ist eine Einrichtung an der Professur für Didaktik der politischen Bildung der TU Dresden. Sie unterstützt und berät außerschulische politische Bildner:innen durch verschiedene Formate. Dabei liegt der Anspruch der JoDDiD in partizipatorischen Prozessen, um gemeinsam mit den Aktiven im Feld nach passenden Lösungen für Praxisprobleme zu suchen.

Über die Professur für Didaktik der politischen Bildung

Die Professur für Didaktik der politischen Bildung an der TU Dresden hat die Aufgabe, Lehrkräfte für die Fächer Gemeinschaftskunde/Rechtserziehung/Wirtschaft auszubilden. Zudem bildet sie auch im in Sachsen verpflichtenden Modul „Politische Bildung für alle Lehramtsstudierende“ Studierende aller Lehramtsfächer aus.

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2 Kommentare

  1. Wencke 15. Juni 2026 um 17:30 Uhr - Antworten

    Und – ganz aktuell – der Siegburger Konsens. Hier der Link zum Download: https://siegburg.de/medien/dokumente/siegburger-konsens.pdf?cid=2cnp

    • Sebastian Röhniß 16. Juni 2026 um 12:59 Uhr - Antworten

      Vielen Dank für den Hinweis! Beste Grüße aus der Redaktion.

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