Viele ländliche Räume, viele mögliche Zukünfte
Wie Menschen künftig in ländlichen Räumen wohnen, arbeiten und unterwegs sein werden, lässt sich nicht eindeutig vorhersagen. Zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen der einzelnen Regionen. Ländliche Räume verändern sich, allerdings nicht in dieselbe Richtung. Das zeigen auch Untersuchungen wie die Langzeitstudie (2022) „Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel“ des Thünen-Instituts. Seit 1952 werden ausgewählte Dörfer wiederholt untersucht. Im Laufe der Jahrzehnte wandelten sich viele ehemals stark landwirtschaftlich geprägte Orte zu Wohnorten mit neuen Arbeits-, Versorgungs- und Alltagsbeziehungen. Zugleich betrachteten Forschende immer stärker die Vielfalt dörflicher Entwicklungspfade.
Zukunftsbilder
Wie verschieden zukünftige Entwicklungen aussehen können, verdeutlichen vier Szenarien der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission für das Jahr 2040. Sie unterscheiden sich u. a. darin, ob Regionen Bevölkerung gewinnen oder verlieren, wie Wirtschaft und öffentliche Dienstleistungen organisiert sind und welche Beziehungen zwischen Stadt und Land entstehen. Die vier möglichen Zukunftsbilder der EU sind:
- Rurbanities: Ländliche Räume gewinnen Bevölkerung. Stadt und Land sind eng miteinander verbunden, die Wirtschaft ist vielfältig und digitale sowie verkehrliche Vernetzung spielen eine große Rolle.
- Rural Renewal: Menschen ziehen bewusst aufs Land. Regionale Kreisläufe, lokale Unternehmen, kurze Versorgungswege und Gemeinschaft gewinnen an Bedeutung.
- Rural Connections: Die Bevölkerung nimmt ab, doch ländliche Regionen bleiben durch Kooperation, Vernetzung und abgestimmte Angebote handlungsfähig.
- Rural Specialisation: Regionen konzentrieren sich stärker auf bestimmte Funktionen, etwa Landwirtschaft, Energieerzeugung, Tourismus oder Naturschutz.
Szenarien für Deutschland
Forschende entwickelten auch für Deutschland Zukunftsbilder: Eine ScMI-Studie unterscheidet sechs Szenarien, die von wirtschaftlich erfolgreichen und digital vernetzten Regionen bis zu stagnierenden oder stark schrumpfenden Räumen reichen. Entscheidend sind dabei v. a. wirtschaftliche Entwicklung und Lebensqualität, Strukturwandel sowie gesellschaftliches Engagement und ländliche Identität. Diese sechs Szenarien sind:
- Kornkammer Land: Ländliche Räume übernehmen wichtige Funktionen für Lebensmittel, Rohstoffe, Energie und Erholung.
- Wirtschafts-Wonder-Land: Unternehmen und Bevölkerung ziehen in wirtschaftlich erfolgreiche ländliche Regionen.
- Dorf Deluxe: Digitalisierung, neue Arbeitsformen und Engagement machen ländliche Orte zu attraktiven Lebensräumen.
- Rentner-Residenz: Dienstleistungen, Pflege und Tourismus richten sich stärker auf eine ältere Bevölkerung aus.
- Langsam-Land: Die Entwicklung stagniert, traditionelle Strukturen bleiben prägend.
- Landflucht Total: Wirtschaft und Bevölkerung wandern ab, wodurch sich bestehende Probleme gegenseitig verstärken.
Vieles ist möglich
Diese Szenarien sind keine Prognosen. Sie verdeutlichen vielmehr, welche unterschiedlichen Rollen ländliche Regionen künftig übernehmen können. Manche können wachsen, andere kleiner werden und dennoch neue Funktionen übernehmen. Eine besondere Rolle könnte die Energiewende spielen. Wind- und Solarenergie werden überdurchschnittlich häufig in ländlichen Räumen erzeugt. Ob daraus dauerhaft Wertschöpfung entsteht, hängt jedoch davon ab, wie stark Kommunen, Unternehmen und Bevölkerung vor Ort profitieren. Gleichzeitig nehmen Flächenkonkurrenzen zwischen Energieerzeugung, Landwirtschaft, Wohnen und Naturschutz zu. Auch Digitalisierung kann neue Möglichkeiten eröffnen. Im Bundesprogramm Land. Digital wurden 48 Modellprojekte erprobt, beispielsweise zu Arbeit, Mobilität, Nahversorgung, Gesundheit, Bildung und Beteiligung. Ein wichtiges Ergebnis: Digitale Technik ist vor allem dann hilfreich, wenn sie ein konkretes Problem löst und mit tragfähigen lokalen Strukturen verbunden wird.
Zukunft ländlicher Räume – Zukunft vor Ort gestalten
Ländliche Räume reagieren nicht nur auf äußere Entwicklungen wie Digitalisierung, Energiewende oder demografischen Wandel. Kommunen, Unternehmen, Vereine und Bewohnerinnen und Bewohner können selbst beeinflussen, wie Gebäude genutzt, Versorgung organisiert, Energie erzeugt oder Mobilität gestaltet werden. Besonders sinnvoll sind Lösungen, die mehrere Bereiche verbinden. Zum Beispiel wenn ein leer stehendes Gebäude zugleich Wohnraum, Arbeitsort und Treffpunkt wird oder wenn regionale Landwirtschaft, Nahversorgung und lokale Wertschöpfung zusammengedacht werden. Zukunftsfähige Dorfentwicklung ist langfristig möglich, wenn soziale, ökologische und wirtschaftliche Handlungsfelder miteinander verbunden werden. Dafür gibt es jedoch kein passendes Modell, welches in allen Landkreisen angewandt werden kann.
Ländlicher Raum: Stärken nutzen, auf Veränderungen reagieren
Viele Ansätze müssen an die Voraussetzungen eines Ortes angepasst und zunächst erprobt werden. Genau darauf setzen Programme wie BULEplus: Modellprojekte und Modellregionen testen neue Lösungen etwa für Versorgung, Digitalisierung, Mobilität oder Zusammenarbeit und übertragen erfolgreiche Erfahrungen anschließend auf andere Regionen. Wie ländliche Räume in den folgenden Jahrzehnten aussehen werden, lässt sich daher nicht auf ein einziges Zukunftsbild reduzieren. Manche Regionen werden enger mit Städten verflochten sein, andere ihre eigenen regionalen Kreisläufe stärken oder sich auf bestimmte Funktionen wie Energie, Landwirtschaft, Tourismus oder Produktion konzentrieren. Entscheidend ist weniger, ob ein Dorf einem bestimmten Ideal entspricht, sondern ob es seine vorhandenen Stärken nutzt und auf veränderte Bedingungen reagiert. Die Zukunft ländlicher Räume entsteht damit im Zusammenspiel großer gesellschaftlicher Veränderungen und Entscheidungen vor Ort. Welche der möglichen Zukünfte Wirklichkeit wird, ist nicht vorgegeben, sie wird auch gestaltet.
Einbettung im Unterricht
Unterrichtsziele
Die Schülerinnen und Schüler …
- erkennen, dass sich ländliche Räume unterschiedlich entwickeln und verschiedene Zukunftsperspektiven besitzen,
- erläutern zentrale Einflussfaktoren auf die zukünftige Entwicklung ländlicher Räume, etwa Digitalisierung, Energiewende, wirtschaftlichen Wandel und gesellschaftliches Engagement,
- reflektieren Gestaltungsmöglichkeiten vor Ort und entwickeln begründete Vorstellungen für einen zukunftsfähigen ländlichen Raum.
Einstieg
Es werden zwei Grafiken gezeigt: ein landwirtschaftlich geprägtes Dorf (früher) und dasselbe Dorf, mit veränderter Infrastruktur, Gebäuden und Wirtschaft (heute). Die Schülerinnen und Schüler werden nach den Veränderungen der gefragt. Die Antworten werden in die Aufgabe 1 der Klett-Kopiervorlage „Ein Dorf verändert sich“ notiert.
Erarbeitung I (Nutzung Kopiervorlage „Ein Dorf verändert sich“)
Die SuS vergleichen anhand der beiden Grafiken in Aufgabe 1 die Veränderungen des Dorfes.
- 1. Aufgabe: Mindestens sechs Veränderungen nennen.
- 2. Aufgabe: Gibt es noch weitere Veränderungen?
Erarbeitung II
In der Aufgabe 3 erörtern die SuS Herausforderungen und Lösungen von schrumpfenden Dörfern. Viele Dörfer liegen nicht im Einzugsbereich größerer Städte, sondern abseits auf dem Land. Dort ziehen immer mehr Menschen weg. Die Lernenden notieren in der Tabelle links Probleme schrumpfender Dörfer, rechts mögliche Lösungsansätze. Das Beispiel hilft dabei.
Sicherung
Die Schülerinnen und Schüler notieren ihre Antworten in die Kopiervorlage, welche von den Lehrkräften ausgewertet werden. Und hier findet ihr die Klett-Kopiervorlage „Dorf“ (Lösung):
Die Zukunft ländlicher Räume: Quellen und Links
- Bock, Anne-Katrin; Krzysztofowicz, Maciej (2021): Scenarios for EU Rural Areas 2040. Contribution to European Commission’s long-term vision for rural areas. Luxemburg: Publications Office of the European Union.
- Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) (2023): Land.Digital: Chancen der Digitalisierung für ländliche Räume. Bonn: BMEL.
- Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) (2026): Bundesprogramm Ländliche Entwicklung und Regionale Wertschöpfung – BULEplus. https://www.bmleh.de/DE/themen/laendliche-regionen/foerderung-des-laendlichen-raumes/bundesprogramm-laendliche-entwicklung/bundesprogramm-laendliche-entwicklung_node.html?utm_source
- Gebauer, Janas; Institut für ökologische Wirtschaftsforschung GmbH (Hrsg.) (2026): Zukunftsfähige Dörfer. Qualitäten und Handlungsfelder einer Dorfgestaltung jenseits des Wachstums. Schriftenreihe des IÖW 233/26. Berlin: IÖW.
- Frankenberg, Dominik; Niebuhr, Annekatrin; Peters, Jan Cornelius; Agrarsoziale Gesellschaft e.V. (Hrsg.) (2025): Unterschätzte ländliche Räume. Ländliche Räume als Zukunftsreservoir. In: Ländliche Räume. Schwerpunktheft /25, S. 36-39. Göttingen.
- Scenario Management International (ScMI) (2015): Die Zukunft der ländlichen Räume in Deutschland. Szenarien und Perspektiven. https://www.scmi.de/images/downloads/dateien/scmi_szenariostudie_zukunft-laendlicher-raeume_webversion.pdf
- Tuitjer, Gesine; Thünen-Institut (Hrsg.) (2022): Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel 1952, 1972, 1993 und 2012. Volume 6. Thünen Report 32. Braunschweig: Thünen-Institut für Ländliche Räume

Hinterlasse einen Kommentar