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Argentinien (Teil 2): „Beständig ist nur der Wandel“ – Schafhaltung in Patagonien

Am Beispiel der Geschichte einer Estancia am Lago Argentino wird die Entwicklung der Schafhaltung und Wollproduktion in Patagonien veranschaulicht.

Die Estancia Nibepo Aike – eine historische Skizze

Etwa 60 Kilometer südwestlich von El Calafate liegt an einem Seitenarm des Lago Argentino die Estancia Nibepo Aike. Der Begriff „Estancia“ bezeichnet im Allgemeinen einen großen landwirtschaftlichen Betrieb, unabhängig von der Art der landwirtschaftlichen Produktion. In Patagonien hingegen wird er für Schafzuchtbetriebe jeglicher Größenordnung verwendet. Die Geschichte der Estancia Nibepo Aike veranschaulicht beispielhaft die Entwicklung der patagonischen Schafzucht seit den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart (siehe historische Skizze M1 auf dem zugehörigen Arbeitsblatt).

Die Erzählung kann aus verschiedenen Blickwinkeln befragt werden:

  • Welche Faktoren machten Argentinien in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem bevorzugten Zielland europäischer Emigration?
  • Welche Faktoren ließen Patagonien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem der weltweit wichtigsten Gebiete der Wollproduktion werden?
  • Welche Faktoren führten zum Rückgang der Schafhaltung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts?

Der historische Vertiefungsweg (Frage 1) wird hier nicht weiter verfolgt; aufschlussreiches Hintergrundmaterial findet sich bei Joaquín Eguren Rodríguez (2020).

Naturräumliche Voraussetzungen

Mit „Patagonien“ wird meist der gesamte Süden des südamerikanischen Kontinents vom Río Colorado im Norden bis zum Kap Hoorn im Süden bezeichnet. Es gliedert sich in das gebirgige Westpatagonien, das zum größten Teil auf chilenischem Territorium liegt, und das Flachland Ostpatagoniens, das vorwiegend zu Argentinien gehört.

Geomorphologisch ist das ostpatagonische Flachland eine ausgedehnte Hochfläche (Meseta), die als Folge von tektonischer Hebung und Erosion in Schichtstufen, Tafelberge und Täler gegliedert ist. Im Pleistozän überformten Gletscher aus den Anden, die sich weit in das östliche Tafelbergland und im Süden sogar bis zum heutigen Kontinentalschelf erstreckten, die Oberfläche mit Grund- und Endmoränen.

Mit Blick auf das Klima sind zum einen die südhemisphärischen Westwinde und zum anderen die Lage im Lee der Anden entscheidend. Beständig wehende Westwinde mit durchschnittlichen Geschwindigkeiten zwischen 20 und 40 Stundenkilometern und sehr geringe, unregelmäßig fallende Niederschläge bestimmen die klimatischen Verhältnisse. Patagonien ist infolgedessen vor allem auf den ausgedehnten Hochflächen eine aride Region, da die Winde die Evaporation zusätzlich verstärken.

Die Vegetation Ostpatagoniens wird zum größten Teil von einer Gras- und Strauchsteppe gebildet, deren Pflanzen hervorragend an nährstoffarme Böden, Trockenheit, Kälte und starke Winde angepasst sind. Bäume und hohe Sträucher trifft man nur in relativ windgeschützten und feuchten Lagen an. Die reliefbedingten mikroklimatischen Unterschiede ermöglichen jedoch auch kleine Oasen bunter Blütenpflanzen oder sogar Täler mit Gemüse- und Obstanbau.

Steppe in Patagonien mit kleinen Sträuchern und Grasbüscheln. Im Hintergrund liegt ein See, hinter dem ein Gebirge mit teilweise schneebedeckten Gipfeln aufragt.

Entwicklung der Schafzucht und Wollproduktion

Als Folge der naturräumlichen Gegebenheiten war Patagonien zu einer Zeit, als die weiter nördlich sich entfaltenden präkolumbianischen Hochkulturen schon aufwändigen Ackerbau betrieben, ein Naturraum, der kaum durch menschliche Nutzung umgestaltet wurde. Indigene Völker lebten dort halbnomadisch als Jäger und Sammler. Erst mit der Ankunft europäischer Siedler in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte die Nutzung durch extensive Beweidung mit Schafen ein. Infolge der hervorragenden Anpassung der Schafe an die klimatischen Gegebenheiten Patagoniens und ihrer Genügsamkeit in Bezug auf den Nahrungsbedarf entwickelte sich die Wollproduktion rasch zu einem einträglichen Wirtschaftszweig.

Die goldenen Jahre der Schafzucht und Wollproduktion währten allerdings nicht viel mehr als ein halbes Jahrhundert. Die Gründe sind vielfältig; sie liegen zum einen in der negativen Entwicklung der Wollpreise auf dem Weltmarkt als Folge der Entwicklung von Kunstfasern, zum anderen in der rasch fortschreitenden Degradation der patagonischen Weidegebiete.

Ökologische Auswirkungen der Weidewirtschaft

Die hohe Variabilität der Niederschläge ist die Hauptursache der ökologischen Degradation. In niederschlagsreichen Jahren kann der Bestand an Schafen erhöht werden, um die guten Weidegründe optimal auszunutzen. Folgt auf einige gute Weidejahre eine Dürreperiode, kommt es zwangsläufig zu Überweidungsschäden, wenn die Anzahl der Schafe pro Hektar nicht reduziert wird. Die Pflanzendecke wird zu stark abgefressen und durch Trittschäden in Hangbereichen zerstört, so dass der unbedeckte Boden durch die starken Winde ausgeblasen wird. Sporadische Regenfälle bewirken die zusätzliche Erosion des Bodens. Eine Regenerierung der Vegetation ist bei den herrschenden Niederschlagsverhältnissen dauerhaft nicht möglich, der Prozess der Desertifikation ist irreversibel. In den letzten 50 Jahren führte dies zu einer so starken qualitativen Verringerung vieler Weidegebiete, dass zahlreiche einst wohlhabende Estancias aufgegeben werden mussten. So entstanden die „Geisterdörfer“, von denen in der Erzählung (M1) gesprochen wird.

Einbettung im Unterricht

Der Unterrichtsimpuls kann in unterschiedlichen thematischen Zusammenhängen verwendet werden:

  • Ursachen der europäischen Emigration nach Argentinien um 1900
  • Entwicklung der Wollproduktion in Patagonien
  • Ökologische Auswirkungen extensiver Weidewirtschaft – Fallbeispiel Patagonien

Einstieg

  • Lokalisieren von Patagonien
  • Lektüre der Geschichte der Estancia Nibepo Aike (M1)
  • Formulieren von Fragen zum Text

Arbeitsphase

In Kleingruppen werden arbeitsteilig die Materialien M2–M7 unter folgenden Fragestellungen erarbeitet:

  • Warum ist in Patagonien die extensive Schaf-Weidewirtschaft die am besten angepasste landwirtschaftliche Nutzungsform? (M2–M5)
  • Welche Gründe führten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Entstehung der „Geisterdörfer“? (M6, M7)
  • Wie gelingt es der Estancia Nibepo Aike, dem Schicksal eines „Geisterdorfes“ zu entgehen? (M1)

Sammlung und Auswertung der Ergebnisse im Plenum.

Abschluss

Als kreativer Abschluss können zukunftsorientierte Ideen entwickelt werden, wie in Patagonien die Wollproduktion mit dem Schutz der natürlichen Umwelt unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit vereint werden kann.

Literatur

Eguren Rodríguez, Joaquín (2020): Einwanderung und Auswanderung in Südamerika. In: Bundeszentrale für politische Bildung, Politik – Geschichte – Internationales. https://www.bpb.de/themen/migration-integration/regionalprofile/suedamerika/304632/einwanderung-und-auswanderung-in-suedamerika/

Coronato, Fernando / Fasioli, Enzo / Schweitzer, Alejandro / Tourrand, Jean-François (2015): Rethinking the role of sheep in the local development of Patagonia, Argentina. In: Revue d’élevage et de medecine vétérinaire des pays tropicaux, 2015, 68 (2–3), S. 129–133. https://doi.org/10.19182/remvt.20599

Endlicher, Wilfried (2005): Landschaftsstruktur und Degradationsprozesse in der argentinischen Pampa und in Patagonien. https://doi.org/10.18452/9156

Hoppe, Pia (1997): Geoökologische Untersuchungen zur Landschaftsdegradation in SO-Patagonien unter Einbezug von Satellitenbilddaten der Systeme Landsat-TM und ERS-1. Freiburger Geographische Hefte Nr. 53. Selbstverlag des Instituts für Physischer Geographie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i.Br.

Jansma, Adolfo (o.J.): Historia Nibepo (unveröffentlichtes Manuskript, von den Besitzern von Nibepo Aike zur Verfügung gestellt).

Wilhelmy, Herbert / Rohmeder, Wilhelm (1963): Die La Plata – Länder. Argentinien – Paraguay – Uruguay. Westermann Verlag, Braunschweig, S. 193–197 und S. 480–500.

Winter, Siegfried Martin (1941): Südamerikanische Wanderjahre. Broschek & Co, Hamburg.

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Über die Autorin

Dr. Astrid Lütje

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